The Lord of the Wings – Kapitel 6

Kapitel 6: Dead Space

(survival horror video game)

Leshrac richtete sich blitzartig auf und tastete nach seiner Waffe. Dann sah er Kira grinsend über ihm stehen und stöhnte.

“Der Tritt in die Rippen war jetzt nicht notwendig. Und überhaupt, wie kannst du es wagen, mich aus dem Schlaf zu reissen?”.

Er setzte sich auf.

“Wie lang hab ich gepennt?”

Kira war inzwischen dabei, sich eine stahlgraue Fliegerhose anzuziehen.

“Ein paar Stunden. Genaugenommen etwa vier. Tut der Hintern noch weh?”.

Sie grinste hämisch. Leshrac beantwortete die Frage mit ausgestrecktem Mittelfinger und verschwand im Badezimmer. Kira hörte ein “Du mich auch!”, gefolgt von prasselndem Wasser.

Während sich Leshrac unter der Dusche befande, schickte sie eine verschlüsselte Nachricht an Primera Black, einem vertrauenswürdigen Mitglied der Corporation.

Benötige Intel für folgende Koordinaten.

Flieg mal mit einer Covert Ops vorbei.

Kira

Wenig später kam Leshrac, nur mit einem Handtuch bekleidet, aus der Dusche.

Er machte einen sichtlich besseren Eindruck als zuvor. Kira musterte ihn.

“Na ja. Viel besser siehst du ja nicht aus. Immerhin stinkst du nicht mehr nach Gleitgel.”

Leshrac bleckte die Zähne.

“Ich hab übrigens gerade Primera Black gebeten, sich die Lage mal anzusehen.  Überraschungen mag ich nur zum Geburtstag.”

Leshrac frottierte seine Haare mit dem Handtuch.

“Soviel Weitsicht hab ich von dir gar nicht erwartet. Wo geht’s eigentlich hin?”

Kira tippte an einer auf dem Tisch liegenden Fernbedienung herum und einen Moment später wurde eine dreidimensionale Karte von New Eden in den Raum projiziert.

“Laut den Informationen, die mir deine beiden Freundinnen geschickt haben…”

Die Holo-Karte wechselte die Ansicht.

“…Cloud Ring.”

Leshrac hatte inzwischen eine Hose angezogen und war dabei, ein Shirt überzuziehen.

“Das ist doch mehr als ein Dutzend Sprünge entfernt?”

“Ja und, was solls? In ein paar Stunden sind wir in Orvolle, bis dort hin müssen wir nur durch zwei Low-Sec Systeme, der Rest ist High Security.”

Während Kira sprach, stellte Leshrac fest, daß er sein Shirt verkehrt herum an hatte. Er zog es aus und wieder an.

“Was ist jetzt, hast du verstanden, was ich dir grade erzählt habe?”, fragte Kira etwas genervt.

“Jaja. Orvolle, Cloud Ring, ein paar Stunden und so weiter…”

Kira verdrehte die Augen.

Auf dem Weg zu den Landebuchten der Station wurden sie von einem Teil der Sicherheitskräfte freundlich gegrüsst, der Rest ignorierte sie völlig. Das Boarding der Tengus verlief problemlos und eine halbe Stunde später schwebten beide Schiffe über die Abdockrampe.

Leshracs Boardcomputer signalisierte eine holographische Nachricht. Er fluchte in den Kanal.

“Was ist los? Schlechte Nachrichten?”, fragte Kira.

“Wie man’s nimmt. Die beiden Tanten haben mir gerade einen Abschiedsgruß geschickt, auf dem sie beide blank gezogen haben. Ausserdem freuen sie sich auf ein baldiges Wiedersehen.”

Er schnitt eine Grimasse.

“Aber das wird es nicht geben, allein bei dem Gedanken schmerzt mir der Arsch.”

Kira verkniff sich -wegen der motorischen Deprivation der POD-Systeme nur innerlich- grinsend, einen Kommentar.

“Kurs gesetzt und im Flottenleitsystem verfügbar. Wir sehen uns in Orvolle.”

“Stress, Kira?”

“Nein, aber ich will so dicht wie möglich an Dax dran bleiben, bevor sich seine Spur verliert.”, funkte Kira, bevor ihre Tengu im Warptunnel verschwand.

Lehsrac folgte einen Moment später.

Die Reise durch die Hi-Sec Systeme war erwartungsgemäß ereignislos. Nach mehreren Stunden und mehr als zwei Dutzend Sprungtoren meldeten die Bordcomputer der Cruiser, dass sie im Zielsystem angelangt waren.

Wenige Sekunden später wurde Kira von Primera Black über einen gesicherten Kanal gerufen.

“Hallo Kira. Lang nicht mehr gesehen. Hab deine Nachricht bekommen und einen Blick auf die Koordinaten geworfen. Das Zielgebiet liegt in einer Sackgasse im Cloud Ring. Kaum Aktivität vor Ort. Keine Camps in den Low-Secs am Weg. Ein schneller Scan hat ausser drei Signaturen nichts ergeben. Würde empfehlen, Scan Equipment mitzubringen.”

“Danke für die Intel. Einen Probe Launcher hab ich schon dabei. Ich überweise dir zehn Millionen, ich hoffe das deckt deinen Aufwand.”, funkte Kira.

“Mehr als ausreichend. War nicht schwer mit dem Schiff. Bis zum nächsten Mal. Man dankt.”

Die Verbindung wurde geschlossen. Kurz darauf enttarnte sich ein Black Ops Schlachtschiff wenige Kilometer neben den Tengus und verschwand im Transit-Blitz des Jumpgates.

“Das war aber ein kurzes Vergnügen.”, bemerkte Leshrac.

“Sie ist eine Einzelgängerin. Anus ist im Vergleich ein Partylöwe.”, erwiderte Kira. “Egal, lass uns nach Cloud Ring fliegen. Warpkontrollen auf mich übertragen und ab gehts.”

Sie leitete den Staffelwarp ein.

Die Route von Orvolle über Alsavoinen nach O-IVNH war, wie Primera schon berichtete hatte, eher langweilig. Die Tengus waren für die einzelnen, streunenden Gelegenheitsgauner viel zu schnell im Warp, um von gefährdet zu werden. Den kläglichen Versuch eines Schlachtkreuzers, ihr Schiff aufzuschalten, goutierte Kira mit massivem Spott im systemweiten Broadcast-Kanal.

“Geht’s dir wieder besser?”, murmelte Schwette. “Provozier nicht unnötig, sonst holt der noch seine Freunde.”

Im Null-Sec war noch weniger los, was daran lag, dass man sich hier in einem der reizlosesten Orte von ganz New Eden befand. Die meisten Systeme waren völlig leer, aktive Stationen dünn gesäht und selbst Exemplare des genus pirata waren hier wegen des Mangels an Beute praktisch nicht anzutreffen.

“Kira, bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?”, fragte Leshrac vorsichtig.

“Ich hoffe, dass dein Hintern nicht umsonst gelitten hat. Warten wir die nächsten drei Sprünge ab, dann werden wir’s genau wissen. Wenn man sich verstecken will, gibts allerdings keinen besseren Ort als diesen Arsch der Galaxie.”

Das letzte Jumpgate der Route spuckte beide Schiffe hintereinander aus dem Transit. Im lokalen Broadcast waren keine Beacons anderer Schiffe zu sehen.

Auch am internen Scanner waren ausser den drei Signaturen bloß Monde und die üblichen automatischen planetaren Transferstationen zu sehen.

Kira warf Scan-Sonden ab und nach kurzer Zeit hatte sie zwei der drei Signaturen identifiziert.

“Verdammt, die beiden Gaswolken waren einfach, aber das letzte Teil ist knifflig. Vermutlichn genau das was wir suchen.”, knurrte sie wenige Minuten später.

“Das ist sicher bloß einen intergalaktischen Müllhaufen.”, funkte Leshrac und grinste.

“Bingo! Ich hab’s.”, funkte Kira. Sie klang sich ihrer Sache sicher.

“Hast was? Einmal horizontal im Bullshit-Bingo?”, erwiederte Leshrac und bleckte die Zähne.

“Nicht doch, die Signatur hab ich. Manchmal frag ich mich, wie du mit dem schmalen Hirn zum Direktor dieser Corporation aufgestiegen bist.”

“Egal. Leite Staffelwarp ein, in drei, …”

Kira aktivierte den Warp auf drei. Die Tengus sprangen zur Signatur, bevor sich Leshrac eine angemessene Antwort überlegt hatte.

Mangels einer intelligenten Antwort schaltete er sein Mikrofon auf VOX und hielt es an den Lautsprecher.

Kira jaulte.

“Ratte!”

Leshrac grinste und schaltete zurück auf PTT.

Als sie aus dem Warptunnel fielen, erblickten sie eine Szene der Verwüstung. Die Überreste einer alten Bergwerkskolonie trieben um einen Asteroiden. Dutzende ausgebrannte Schiffswrack schwebten im Raum. Aus einigen der Hüllen trat noch immer Atmospähre aus. Bei vielen anderen war der Rumpf aufgerissen und man konnte tief ins Innere sehen. Offenbar waren die Schiffe Teil der Sansha Nation. Unzählige Menschen hatten hier ihr Leben gelassen.

Kira öffnete alle Kommunikationkanäle. Sie wartete einige Minuten, aber es war nur statisches Hintergrund zu hören. Schließlich setze sie Kurs auf die zerstörte Station, die gut 150 Klicks entfernt war. Lesrac folge ihr ohne Aufforderung.

Die Schiffe glitten langsam durch das Trümmerfeld. Immer wieder schimmerten ihre Schilde auf, als Fragmente auf sie trafen und verglühten.

“Verdammte Kacke. Ich hatte recht mit dem Müllhaufen.”, fluchte Leshrac.

“Halt’s Maul und konzentrier dich!”, fauchte Kira mit angespannter Stimme. Ihr war hier nicht wohl.

“Hier stimmt etwas nicht. Zu viele Sansha Wracks.”

Sie fluchte.

Was machen die beknackten Typen hier überhaupt? Cloud Ring ist doch nicht gleich um die Ecke von Stain.”

Sie biss sich in die Unterlippe.

“Was wollen diese Wahnsinnigen bloß hier?”

“Ich empfange keine Lebenszeichen mehr. Weder aus der Station noch von den Wracks.”, funkte Leshrac.

“Bist du sicher? Wir sollten die Station näher ansehen.”

“Verstanden.”, funkte Leshrac und korrigierte seinen Kurs.

Minuten verstrichen. Kira sinnierte vor sich hin und konnte die Stille schließlich nicht mehr ertragen.

“Was für eine Verschwendung. Wenn wir ein Bergungsschiff dabei hätten, könnten wir sicher ein paar interessante Dinge finden.”

Leshrac ignorierte sie. Wenige Minuten später meldete er sich.

“Detektiere Lebenszeichen in der Station. Schwach, aber vorhanden. Sieht aus als wären die Wohnquartiere und der Hangar nebenan ganz geblieben.

Er makierte die Ziele.

Kira überlegt eine Weile.

“Sieht eigentlichh gut aus, es scheint keine Gefahr von der Station auszugehen. Ich schlage vor, wir docken an und finden raus was genau passiert ist. Vielleicht finden wir hier sogar Dax.”

Leshrac schnaufte.

“Wir werden sehen…”

Er dachte kurz nach.

“Sicherheit, bereiten sie ein Aussenteam vor. Volle Bewaffnung, zehn Einheiten.”

“Du hast Bodentruppen an Board?”, fragte Kira, die ihm erstaunt zugehört hatte.

Lehsrac rollte die Augen.

“Wer bewacht sonst meine Fracht und mein Schiff? Wen hast du denn an Board?”

“Uhhm… Reinigungspersonal?”, funkte Kira, leicht beschämt.

“Wie bist du noch mal an den CEO-Posten gelangt?”

Eine knappe Stunde später standen Kira und Leshrac, befreit von ihren Kapseln, auf dem Steg der Docking Bay, an der ihre Schiffe angelegt hatten. Unerwarteterweise waren die technischen System intakt und Kraftfelder hinderten die Luft daran, in das Vakuum des Weltalls zu entweichen.

Zehn Soldaten waren Leshrac aus seinem Schiff gefolgt.

Kira betrat den Steg und atmete die kalte, ölig riechende Luft der Station ein. Im Hangar herrschte angenehmes Licht und die Anlagen schienen unbeschädigt.

Sie rieb sich die Nase.

“Du bist gut aufgestellt.”

“Und du hast wenigstens nicht vergessen, deine Kanone mitzubringen.”

Leshrac kratze sich am Kopf. Er trug leichtes Kampfgeschirr mit leichter Panzerung. In den Schlaufen hingen mehrere Granaten, Magazine und ein individuelles Erste-Hilfe Paket. Eine Maschinenpistole lag quer über seinen rechten Arm. Am seinem Oberschenkel war Halfter mit Pistole befestigt.

Kira selbst trug einen brauen, etwa knielangen Mantel. Über ihre Schulter hatte sie einen Rucksack geschwungen und an ihrer Hüfte trug sie lediglich einen Revolver des Typs Moses Brothers Self-Defense Engine Frontier Model B.

“Seit wann gehörst du auch am Boden zur kämpfenden Truppe?”

Kira versuchte ihre offensichtlich unzulängliche Ausrüstung mit Humor zu überspielen.

Leshrac brummte.

“Schon immer. Allerdings erwarte ich bei einem Bar-Besuch normalerweise nicht, eine Kugel verpasst zu bekommen. Wenn das noch mal passiert, werden wir wohl nicht mehr in einer Clone-Bay aufwachen.”, meinte Leshrac ernst und warf Kira seine Pistole mitsamt Holster zu.

Sie fing die Waffe geschickt auf und schnallte sie an ihren Oberschenkel.

“Munition?”

“Werd bloß nicht unverschämt.”

Leshrac griff nach den Magazinen an seiner Weste und reichte sie Kira. Sie grinste.

“Wenn wir Dax erst mal gefunden haben, können wir uns bei jedem beliebigen Besäufniss erschiessen lassen. Besonders dann, wenn die Kopfschmerzen anfangen.”

Leshrac rollte die Augen.

“Gnade…”

Die Soldaten hatten inzwischen Positionen entlang des Stegs bezogen und den Weg bis zur ersten Schleuse gesichert. Zwei von ihnen standen knapp hinter Leshrac und warteten auf Befehle.

Leshrac versuchte sich ein Bild der Situation zu verschaffen. Keine anderen Schiffe langen im Hangarbereich. Es waren auch keine Spuren eines Kampfes sichtbar.

“Eigenartig. Draussen ein Meer von Trümmern und hier sieht alles unberührt aus.”

Er gruntzte und kratze sich am Kinn.

“Ihr zwei!”

Er blickte die beiden Söldner hinter ihm an.

“Schleuse öffnen und sichern!”

Ohne zu zögern liefen die beiden den Steg entlang zur Schleuse. Einer aktivierte den Mechanismus, der andere ging mit dem Sturmgewehr im Anschlag vor.

“Aaah, Söldner. Keine Fragen.”, stellte Leshrac fest und grinste.

Die Schleuse öffente sich. Es war nichts zu sehen. Einer der Söldner meldete über Funk, dass der Bereich sauber sei.

Kira und Leshrac durchquerten den Kontrollpunkt, der direkt hinter dem Schleusentor gelegen war. Es war klar, dass hier jemand noch vor wenigen Stunden seiner Arbeit nachgegangen war.

Die Gruppe betrat den zentralen Eingangsbereich der Station. Auch hier war nichts Auffälliges zu sehen. Ein Getränke-Automat surrte vor sich hin, mehrere Holo-Reklametafeln spielten immer wieder die gleichen Werbespots ab.

Auf einer der Bänke lag ein Stoff-Teddybär. Kira griff danach und drückte ihn.

Er brummte vor sich hin und sagte:

“Ich bin ein CareBear!”

Kira zog verwundert eine Augenbraue hoch und drückte nochmal auf seine Bauch.

Er brummte wiederum.

“Du musst mich lieb haben!”

Kiras Augen wurden feucht.

“Du wirst wegen dem Ding doch nicht sentimental werden?”, schnaufte Leshrac.

“Mich würde eher interessieren, wo das Kind geblieben ist, dem der Bär gehört.”

In der Entfernung war ein metallisches Geräusch zu hören. Leshrac und die Söldner fuhren herum und brachten ihre Waffen in Anschlag.

Kira atmete durch und stopfte den “CareBear” in ihren Rucksack. Er brummte nochmals und sagte:

“Ich hab Angst im Dunklen!”

“Dieses verdammte halb-intelligente Spielzeug ist nur was für sentimentale Weiber!”, spottete einer der Söldner.

“Wie kann man den nicht süß finden, du Arsch?”

Kira trat ihm in den Hintern.

Lehsrac stöhnte und blicke an die Wand. Er runzelte die Stirn, dann hob den Zeigefinger. Ein großer roter Punkt markierte ihre aktuelle Position auf der Übersichtskarte der Station.

“Wohin als erstes? Wohnquartiere, Verwaltungsbüros oder zur Industrieanlage?”, fragte Leshrac laut, in der Hoffnung, die Situation zu entspannen.

“Ich schlage vor, wir bewegen uns in Richtung Verwaltung, dort können wir uns am einfachsten ein Gesamtbild der Lage machen.”, warf der Söldner hastig ein.

“Da stimme ich zu. In jedem guten Shooter muss man zuerst in die Verwaltung.”, meinte der andere Söldner, breit grinsend.

Leshrac seufzte.

“Das ist hier bloß keine interaktive, audiovisuelle Projektion. Ich werd in der Realität nur ungern erschossen.”

“Ach, ihr seit bloß sauer, weil ihr Piloten nicht wieder aufwacht, wenn man euch ausserhalb eurer Kapsel eine Kugel durch die Birne jagt.”, lästerte einer der Söldner.

Kira pfiff durch die Zähne.

“Glaubst auch nur du. Dem letzte Arschloch das mich abgeknallt hat, hab ich eine Minute später selbst das Gehirn rausgeblasen.”

Der Söldner gruntzte beeindruckt.

Leshrac seufzte erneuert.

“Wahnsinnig. Alle wahnsinnig. Ich bin nur von Verrückten umgeben.”

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