The Lord of The Wings – Kapitel 5

 

Kapitel 5: Failure is Always an Option

(- Adam Savage)

Einige Stunden zuvor hatten sich Schwette und Anus Prodit in ihre Schiffe begeben und glitten, angetrieben von den Schubimpulsen ihrer Lagerungstriebwerke, durch die Dockingrampe. Innerhalb weniger Sekunden passierten die beiden Schiffe der Cruiser-Klasse das Kraftfeld des Docks und befanden sich im freien Raum.

“Launch Control, hier ist Delta-Oscar-One-Kilo, geben sie uns GO oder NO-GO für den Sprung durch das Gate Richtung Rens.”, funkte Schwette an die Flugsicherung.

“Sie haben GO für den Sprung, gute Reise.”

“Anus, los gehts.”

“Verstanden, leite Warp ein.”

Nachdem Anus, so wie meistens, nicht an Konversation interessiert war und alle Versuche, ein Gespräch zu einem Thema zu beginnen, das nicht von der  Flugroute oder der ihrer Mission handelte, von Schweigen quittiert wurde, machte sich bei Schwette Langeweile breit. In den Nachrichtenkanälen fand sich an Neuigkeiten nur einen Bericht über fehlerhafte FOF Missiles, die durch einen, offenbar plattformübergreifenden, Softwarefehler sowohl befreundete Fighterdronen, als auch deren deligierende Carrier angriffen und anscheinend auch die falsch klassifizierten Signaturen an die Dronen weiter verbreiteten, die daraufhin auf ihre eigenen Träger feuerten. Im Newsticker kamen Eilmeldungen zu Gerüchten über neuerliche Zwischenfälle in Illumienra herein.

“Die verdammten Idioten werden doch nicht schon wieder einen Krieg beginnen.”, dachte Schwette, als er von Anus angefunkt wurde, der wissen wollte, wohin er den neuen Kurs setzen sollte. Schwette hatte nicht bemerkt, daß sie der Autopilot bereits bis nach Rens gebracht hatte.

“Ah…Moment.” Schwette suchte die Adresse von Dax aus der Datenbank.

“Ist im Flottenleitsystem markiert. Von hier fünf Sprünge bis ins Low Sec.”

Es verging über eine Stunde, bis sie endlich im Zielsystem angelangt waren. Die sich häufenden Zusammenstösse zwischen den Milizen von Caldari und Gallente verursachten auch im High-Sec immer wieder Probleme.

In diesem Fall hatte eine Gruppe Caldari-Piloten einen Frachter der Obelisk-Klasse beschossen und waren von den High-Sec Wachen von CONCORD in einem massiven Gegenschlag gnadenlos zerstört worden.

In Folge dessen war das Sprungtor in Rens von einem mehrere Kilometer durchmessenden Trümmerfeld umgeben. Als der Frachter explodierte, wurde ausserdem seine gesamte Ladung an Lebendvieh in den Weltraum geschleudert, weswegen zusätzlich tausende, zu Eisblöcken erstarrte, Schweine, Rinder und Schafe im Raum umhertrieben. Um die Gefahr von Kollisionen zu verringern, hatte die Flugsicherung das Tor für die Dauer der Aufräumarbeiten auf Einzel-Abfertigung geschaltet, wodurch sich ein kurzer Stau bildete. Wenigstens verlief der Flug über die restliche Strecke ohne Zwischenfälle.

Immer wenn Schwette eine der von den Minmatar gebauten Stationen ansteuerte, wunderte er sich, wie diese Konstrukte luftdicht sein konnten. Der Rost musste  mit Absicht erzeugt worden sein, denn im Weltraum gab es im Normalfall weder genug Säure, noch eine ausreichende Konzentration von Wasser und molekularem Sauerstoff. Selbst in der Nähe eines Planeten mit entsprechender Atmosphäre betrug die Konzentration kaum über ein Teilchen pro zwei bis drei Kubikzentimeter, was wohl kaum genügte, um einen signifikanten Umsatz durch den Transport von Elektronen aus autopyrolytische Wasserstoffionen zu erzeugen, um tatsächlich Rost anzulegen. Schwette war etwas verärgert, dass er sich nicht mehr an alle Details aus den Chemielektionen erinnerte. In jedem Fall konnte der Rost nur mit Absicht aufgebracht worden sein, denn so viele planetare Schrottplätze mit verrostetem und trotzdem direkt verwertbarem Profilstahl konnte es im gesamten Universum nicht geben, als daß sie all diese Stationen bauen konnten.

“Docken wir an.”, funkte Schwette an Anus.

Wenig später brachten sie die Leitstrahlen der Dockingstation zu ihren Landebuchten. Knapp zwanzig Minuten später hatten Anus und Schwette das ektoplasmische Fluid ihrer Pods vom Körper geduscht und begaben sich auf die Aussichtsplattform zwischen den beiden Andockarmen, an denen ihre Schiffe schwebten. Von Innen machte die Station den selben, wenig vertrauenserweckenden Eindruck wie von Aussen. Im gesamten Andockbereich fehlten Abdeckungen und Verkleidungen, Scheinwerfer flackerten und lose Kabel hingen von der Decke. Ein Geruch von verbranntem Plastik und Metall hing in der Luft und ein Geräusch elektrischer Überschläge war zu hören.

An einigen dutzenden Docking Bays waren Schiffe zu sehen, deren Rümpfe teils weit aufgerissen waren und gerade von Reparaturteams und deren Hilfsdronen geschweisst wurden. An einer Stabber, einem Schiff der Cruiser-Klasse mit schmalem, langgezogenem Rumpf, wurde gerade eine neue Warpgondel montiert. In einer anderen Andockbucht glitten Transportdronen hin und her und verstauten Frachtcontainer in den Laderaum einer Badger.

Anus und Schwette beobachteten die Szene, während sie sich zu einem vor ihnen befindlichen Schott begaben. Es öffnete sich vollautomatisch, als sie sich einige Meter davor befanden. Dahinter war ein Kontrollposten der Stationssicherheit eingerichtet worden. Einige Minmatar-Soldaten standen davor und scherzten mit Söldnern, die offenbar erst vor kurzem von einem  Kampfeinsatz zurückgekommen waren. Sie verstummten plötzlich und musterten die Neuankömmlinge.

“ID Cards und Lizenzen bitte.”, forderte sie ein junger Soldat auf. Sie reichten ihm die Dokumente. Er musterte sie. “Ich muss sie darauf hinweisen, dass die Einfuhr von Lebensmitteln strikten Einfuhrbestimmungen unterliegen, Mister…”, er blickte auf die ID-Card. “…Anus Prodit.”

“Ich hab nichts anzumelden.”, meinte Anus.

Der Soldat zeigte mit dem Finger in Richtung des Panoramafensters und sagte: “Das ist doch ihre Tengu, oder nicht?”

Anus nickte.

“Was ist mit der Kuh, die sie auf ihrer vorderen Panzerung transportieren?”

Anus drehte sich um und blickte erstaunt auf sein Schiff.

“Auf dem Weg hierher mussten wir ein Trümmerfeld passieren. Ich nehme an, daß sie dabei am Schiff hängen geblieben ist.”, meldete sich Schwette.

Der Soldat musterte ihn mit zugekniffenen Augen und wandte sich wieder an Anus. “In diesem Fall lassen sie das Vieh entfernen, bevor es zu stinken beginnt.” Anus nickte hastig.

Der Soldat nahm die andere ID-Card. “Und sie, Mr. Schwette? Was ist der Grund ihres Aufenthalts?”

“Ähh ja, ich bin … wir sind geschäftlich unterwegs. Wir wollen unser Absatzgebiet expandieren.” Der Soldat zog eine Augenbraue hoch. “Um welche Geschäfte handelt es sich dabei?”

“An- und Verkauf von Schiffsersatzteilen.”, meinte Schwette und versuchte gewinnend zu Lächeln.

Der Soldate tippte an einem Terminal herum. “Sie können passieren. Aber machen sie keinen Ärger. Im Moment ist die Lage in diesem Sektor etwas angespannt, was die Bevölkerung nervös macht und uns verpflichtet, hart durchzugreifen. Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt.”

Anus und Schwette verschwanden an der nächsten Wegkreuzung um die Ecke.

“Zu viele Fragen.”, grunzte Anus.

“In der Tat. Weisst du noch, wo wir hin müssen? Fall Dax sein Geschäft dicht gemacht hat, werden wir ihn kaum im Stationsverzeichnis finden.”

Anus griff nach seinem PDA und hielt Schwette einen Lageplan unter die Nase, auf dem ein roter Punkt blinkte.

“Da hin.”

Einige Decks mit dem Turbolift, ein paar Treppen und etliche verwinkelte Gänge später standen sie vor Dax’s ehemaliger “Klinik”.

Die Schaufenster waren hastig mit schwarzer Folie überklebt worden und die Schiebetüren waren mit einem Kraftfeld gesichert. Ein Schild schwebte davor und blinkte abwechselnd in gelber und roter Schrift:

Wegen Umbauarbeiten vorübergehend geschlossen.

“Ich fürchte, wir werden nicht durch den vorderen Eingang hineinkommen.”, meinte Schwette. “Bah…”, grunzte Anus. Er holte sein Omnitool aus der Tasche. Ein Hologramm wurde über seinen Arm projiziert. Er tippte darauf herum und runzelte die Stirn. “Das Kraftfeld ist nur ein Lichteffekt! Die wollten sich wohl kein echtes leisten.” Er blickte sich kurz um, erspähte eine Feuerlöscher- Schutzbox, schlug kurzerhand die Glasscheibe ein, griff die Axt und holte aus.

Schwette konnte gerade noch dazwischen springen und nach der Axt greifen.

“Ganz schlechte Idee. Da hängt sicher ein Alarmsystem dran. Wir sollten uns den Seiteneingang für die Lieferanten ansehen, falls es einen gibt.”

Anus murrte, folgte ihm aber ohne Widerstand in einen Seitengang, der hinter das Geschäftslokal führte. Nach einigen Metern erreichten sie eine Feuertüre. Dahinter befand sich ein Landebereich für Lastengleiter. Schwette erspähte einen grünen Müllcontainer und wenige Meter daneben den Lieferanteneingang.

Anus holte eine alt aussehende Pistole aus einer Innentasche seiner Jacke. Schwettes Kopf lief rot an. “Wie zum Geier hast du dieses Teil durch den Kontrollposten gebracht?”

Anus grinste. “War unterm Kopfpolster.”

“Verarsch mich nicht. Warum haben die uns nicht an Ort und Stelle abgeknallt?”

Anus zog den Schlitten der Waffe nach hinten und ließ ihn zurückschnappen. “Keramisches Meta-Material. Negativer Brechungsindex. Ist für die Mikrowellenscanner transparenter als Luft.”

Schwette schüttelte den Kopf und murmelte: “Verdammte Psychopathen. Ich arbeite mit einem verdammten Haufen Psychopathen.”

Schwette nahm sein eigenes Omnitool in die Hand und begann am elektronischen Schloss der Tür zu arbeiten. Einige Sekunden später begann ein Drehlicht zu blinken und laute Warnsignale schallten über den Stationsbereich.

“Scheisse!”, fluchte Schwette. “Wir müssen hier verschwinden.”

“Wie war das nochmal mit der Alarmsicherung?”, lachte Anus. In der Ferne waren bereits die schnellen Schritte einer sich nähernden Wache zu hören. Er zeigte auf den Müllcontainer und sagte: “Rein da!”

Sie öffneten den schweren Stahldeckel, kletterten hinein und schlossen ihn wieder. Nur ein kleiner Spalt erhellte das Innere mit spärlichem Licht. Draussen blinkte und lärmte die Alarmanlage.

“Verdammt was stinkt hier so penetrant? Und warum ist es hier so glitschig?”, beschwerte sich Schwette. Anus hielt ihm die Hand über den Mund und machte: “Pssst!”

Wenige Momente später kam ein Wachmann angerannt und leuchtete mit seiner Taschenlampe umher.

“Verdammtes Gesindel!”, fluchte er.

Er deaktivierte den Alarm über seinen PDA und ging in Richtung Container.

“Hmmm…hochriskante biologische und klinische Abfälle. Darin würde sich nur ein Wahnsinniger verstecken. Geschweige denn, den Container öffnen.”

Er machte kehrt und verschwand im Dunkel der Gänge. Der bestialische Gestank beleidigte Schwettes Magen so sehr, dass er erbrach. Anus drückte seine Hand noch immer über Schwettes Mund. Leise gurgelnde Geräusche waren zu hören, als das Erbrochene durch seine Finger lief.

Anus nahm die Hand von Schwettes Mund, spähte erst durch den Spalt, öffnete den Deckel und sprang aus dem Container. Schwette folgte ihm und sank kreidebleich auf den Boden. Beide waren mit Resten von faulendem organischem Material bedeckt.

“Gehts wieder, Junge?”, meinte Anus lapidar. “Ich mach die Tür mal in der Low Tech Version auf, der Alarm scheint nur an die Elektronik gekoppelt zu sein.”

Er ging zur Tür, holte aus und trat direkt neben den mechanischen Teil des Schlosses. Man konnte hören wie das Metall der Schließleiste kreischend aufriss. Das Alarmsystem reagierte nicht. Anus griff wieder nach seiner Pistole und horchte. Abgesehen vom schweren Atem Schwettes war nichts zu hören. Er wartete einige Minuten. Nichts geschah. Er half Schwette aufzustehen und zog ihn durch die Tür in die hinteren Geschäftsräume. Danach schloss er die Tür wieder und klemmte ein Metallstück als Keil in den Spalt zum Boden.

Langsam ging es Schwette wieder besser. Er rappelte sich auf und stellte sich wackelig auf die Beine. Sein Gesicht nahm langsam wieder eine normale Farbe an.

“Erinner mich beim nächsten Mal daran, nicht mehr in Container zu springen, deren Inhalt ich nicht kenne.”, sagte Schwette.

Anus grinste ihn an und meinte: “Beschwer dich nicht, du lebst doch noch.”

Das Licht der Notausgangs-Beleuchtung erhellte den Raum nur schwach. Anus blickte sich um und fand einen großen, grauen Kasten an der Wand, der mit “Unterverteiler” beschriftet war. Anus öffnete die Türe und nahm ein paar lose geheftete Seiten Papier heraus.

“Manche Dinge ändern sich wirklich nie.”, murmelte er.

Schwette blickte ihn an. “Bist du sicher, daß du weisst, was du da tust?”

Anus grinste schelmisch. “Ist ja nicht so, als müsste man dafür vorher an die Akademie.” Er griff in den Schrank. Ein Klicken war zu hören und der Raum wurde von Licht durchflutet. “Naja, du vielleicht schon.”

Sie sahen, daß sie in einem Lagerraum standen. Ein Waschbecken war an der Wand montiert, rundherum standen diverse Reinigungsmittel in Flaschen, daneben ein Kübel mit Wischmop. Am anderen Ende des Raums befand sich eine offen stehende Türe. Der Gang dahinter wurde kaum vom Licht erhellt. Anus griff wieder in den Schrank und einen Moment später war auch der Gang beleuchtet.

Schwette ging einige Meter weit in den Flur, der einmal reinweiss gestrichen gewesen war. An den Wänden konnte man Ränder von Bilderrahmen erkennen, die früher einmal an die Wand gehängt gewesen waren. Aus dem Gang führten sechs Türen, die ebenfalls offen standen. Schwette zeigte in Richtung der Räume und Anus drückte die übrigen Schalter bis auf den für das vordere Lokal nach oben. Schwette blickte in alle Räume, aber sie waren, bis auf einen, leergeräumt worden. Und auch in diesem Raum fand sich nur ein in die Jahre gekommener, verschließbarer Medikamentenschrank, dessen Tür nur angelehnt war. Am Boden des Raums konnte man noch die Abdrücke von Gerätschaften und die Dübellöcher eines Behandlungsstuhls erkennen.

“Verdammt, das sieht nach einer Sackgasse aus. Falls du den Kasten nicht für dein Quartier mitnehmen willst, werden wir wohl mit leeren Händen abziehen müssen.”, stellte Schwette fest.

Anus runzelte die Stirn und blickte nachdenklich in den Raum. Dabei lehnte er sich gegen den Schrank, der unter seinem Gewicht nachgab und zur Seite rutschte.

“Oho, was ist das denn?”

Im Unrat, der sich im Lauf der Zeit unter dem Schrank angesammelt hatte, entdeckte Schwette etwas, das nach einer Speicherkarte aussah.

“Das nenn ich mal Glück. Ich hoffe, daß da nicht bloß eine Sammlung Nacktfotos drauf ist.” Er griff nach der Speicherkarte und hielt sie Anus unter die Nase.

“Von Kira?”, grinste Anus und schnitt eine Grimasse. “Das bleibt uns hoffentlich erspart. Mal schauen…”

Er steckte die Speicherkarte in seinen PDA und blickte gespannt auf den kleinen Bildschirm. “Danke, ich will die Dateien NICHT in der Cloud sichern…”, murmelte er verärgert und klichte die Fenster weg, die sich geöffnet hatten. Er tippte eine Weile auf dem Bildschirm herum und sagte schliesslich enttäuscht: “Mist, hier ist wirklich nur Müll drauf.”

“Was meinst du mit Müll?”, fragte Anus.

“Naja, ein Haufen private Sightseeing Fotos, ein paar Papers über Transplantationstechniken und so weiter. Aber nichts, was uns offensichtlich weiterhilft. Wir…” Schwette brach mitten im Satz ab, als er Geräusche aus dem Bereich des Vordereinangs vernahmn.

“Hört sich an, als ob wir Besuch bekommen.”, flüsterte er und zeigte auf die Wand, die den Eingangsbereich vom zentralen Gang trennte. Sie schlichen zur Wand am Ende des Gangs und lauschten. Den Stimmen nach versuchten offenbar zwei Männer, die Schiebetür des Geschäftseingangs zu öffnen, scheiterten aber hörbar und entfernten sich. Schwette deutete mit dem Kopf in Richtung Hintertür. Anus nickte und sie schlichen zurück in den Lagerraum.

Schwette schmiegte sich hinter der Tür an die Wand. Anus blickte kurz um sich und zuckte mit den Achseln, als er keine Deckung fand. Er griff in den Schaltkasten und unterbrach die Sicherungen aller vorderen Räume, bevor er sich in den nun wieder dunklen Gang zurückzog.

Beiden pochte der Puls in die Ohren. Schwette hörte, wie sich die beiden der Türe näherten. “Verdammt, die Tür ist schon übel zugerichtet. Ob da schon jemand rein wollte?”, sagte die jüngere Stimme.

“Das ist eine Magnettüre, die hat kein mechanisches Schloss. Wer auch immer da rein wollte, hat garantiert vergeblich dagegengeprügelt.”, meinte der Ältere.

“Riechst du das auch? Stinkt irgendwie nach vergammeltem Fleisch.”, meinte der Jüngere. “Halts Maul und mach deine Arbeit. Öffne lieber die Tür anstatt hier dumm rum zu fragen.”, sagte der Ältere angespannt. Sekunden später ertönte der Alarmton. Schwette konnte hören, wie die beiden wegliefen.

Minuten später kam wieder der Wachmann angelaufen. Er fluchte. Einen Moment später war der Alarm deaktiviert. Ein paar knallende Laute waren zu hören, so als würde jemand mit Schwung einen Korken aus einer Weinflasche ziehen. Mehrere kleine Projektile durchschlugen die Tür. Danach gurgelnde Geräusche, als der Wachmann starb.

“Musst du immer so ne Sauerei machen?”, fragte der Jüngere.

“Junge, du redest mir zu viel, beim nächsten Mal nehm ich mir nen anderen als Partner mit. Und jetzt mach die verdammte Tür auf.”, befahl der Ältere.

Schwette hörte ein leises Klacken und ein Rütteln an der Tür. Er blickte auf den Metallkeil unter der Türe und fluchte innerlich. Das konnte ihnen jetzt den Kopf kosten.

“Unfähiger Idiot, lass mich mal ran!”, fluchte der Alte. Kurz darauf flog die Türe mit Schwung auf. Sie knallte Schwette auf die Nase, der sich einen Schmerzensschrei gerade noch verkneifen konnte. “Verdammter Türstopper.”, sagte der Alte.

Die beiden betraten den Raum. Schwette spähte hinter der Tür hervor und sah einen Söldner mit einem Sturmgewehr im Anschlag, der sich langsam in Richtung Gang bewegte. Den anderen konnte er nicht sehen, weil er noch von der Tür verdeckt wurde. Ein Schuss fiel. Dann weitere. Schwette sah, wie eine Kugel den Söldner traf, aber offenbar in dessen Schutzweste stecken blieb, was dieser gut wegsteckte. Schließlich traf ihn eine Kugel am Kopf und er sackte zusammen.

In diesem Moment warf sich Schwette mit aller Kraft gegen die Tür. Durch die Wucht des Aufpralls wurde der zweite Söldner an die Wand gegenüber geschleudert und stürzte zu Boden. Schwette sprang auf ihn zu und versuchte, ihn am Boden zu fixieren, er konnte sich allerdings befreien und war im Begriff, Schwette die Kehle mit einem Kampfmesser durchzuschneiden.

Ein weiterer Schuss fiel und eine Kugel bohrte sich in das Schultergelenk des Söldners. Er fiel zur Seite.

Schwette rappelte sich auf und wischte sich Blut vom Mund. Anus griff nach dem Sturmgewehr und richtete es auf den Söldner. Er war noch jung, kaum 20, schätze Anus.

“Hey, der da lebt noch, er ist nur bewusstlos.”, rief Schwette Anus zu. “War bloß ein Streifschuss an der Schläfe. Früher warst du besser.”

“Durchsuch ihn und nimm alles brauchbare mit, was er an sich hat. Vielleich hat er etwas nützliches dabei.”, grunzte Anus, etwas verärgert. Schwette grinste und packte die Ausrüstung des Söldners in dessen Rucksack.

“So, nur zu dir, Arschloch.” Anus trat dem jungen Söldner ins Gesicht.

“Mach ’s Maul auf, wenn du nicht ein paar neue Löcher haben willst.”

“Glaubt ihr wirklich, dass es mich kümmert, wenn ihr mich tötet? Ich komme wieder. Aber ihr seit nur verdammte Sterbliche.” Der Söldner lachte hämisch und spuckte Blut auf den Boden.

Anus schoss ihm ins rechte Knie. Der Söldner stöhnte auf und krümmte sich vor Schmerzen. “Na, wie gefällt dir das? Ich hab nie gesagt, dass ich dich töten werde, du Idiot. Ich hab hier…” Er unterbrach mitten im Satz und warf einen Blick auf die Magazinanzeige. “…21 Freunde, die gern mit dir Spaß haben möchten.”, grinste Anus.

“Ach lass ihn doch, der wird so schnell nicht reden. Verschwinden wir lieber, der Sicherheitsdienst wird wohl bald aufkreuzen.”, meinte Schwette.

Anus nickte bloß. Schwette war schon vor der Tür, als er hinter sich einen dumpfen Schlag hörte. Kurz darauf trat Anus ins Freie, einen blutverschmierten PDA in der Hand. Er grinste Schwette an, der ihn mit gerunzelter Stirn ansah.

“Ach, der ist nicht tot. Hatte er gar nicht verdient. Ich hab ihm bloß den Kiefer gebrochen. So schnell wird er seine Kumpels also nicht rufen können.”

Schwette rollte die Augen. “Lass uns abhauen.”

Anus warf einen Blick auf den Wachmann, der in seinem Blut am Boden lag und griff sich die Keycard, die dieser noch in seiner verkrampften Hand hielt.

“Armes Schwein. Verdammt riskanter Job für den miserablen Sold. Also, wohin jetzt?”

Schwette griff nach seinem PDA und studierte den Plan der Station. Er runzelte die Stirn. “Wird werden mit einem Sturmgewehr und blutverschmierter Kleidung auffallen. Ich schlage vor wir bewegen uns in Richtung der Docks und versuchen, im Bereich der Transportanlieferungen zu bleiben. Scheint als wäre der kaum besucht.”

Auf dem Weg zu den Ladebuchten gingen sie einen schwach beleuchteten Gang entlang. Anscheinend war der Bereich der Station mangels Mietern stillgelegt worden. Durch die großen Scheiben konnte man weit in den Bereich der Docking Bay blicken. Nach einer Weile erreichten sie den Beginn der Plattform, die die Docks umringte. Schwette ging bis an den ungesicherten Rand der Plattform und blickte nach unten. Er konnte den Boden der Station nicht erkennen. “Irgendwie hat der Ausblick etwas. Ist mir noch nie so aufgefallen.”, sinnierte er. In einiger Entfernung konnte man Schiffe vorbeidriften sehen und einige hundert Meter zu ihrer Seite schwebte ein Schiff der Battlecruiser-Klasse an ihnen vorbei.

Anus stand neben ihm und stützte sich auf das Sturmgewehr.

“Die Stationen sehen von aussen nie so groß aus. Aber machen wir lieber, das wir weiterkommen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.”

Ein Stück weiter entdeckten sie eine kleine Service-Station für Lastengleiter. Der Zugang war nicht verschlossen und die Station war unbesetzt. Im Mannschaftsquartier fanden sie Duschen und knallgelbe Arbeitskleidung vor.

“Ich komm mir vor wie bei der Müllabfuhr”, grinste Anus, nachdem sie ihre blutverschmierte Kleidung gegen die Overalls gewechselt hatten.

“Egal, hauptsache ich sehe nicht mehr aus, als hätte ich einen Ochsen abgestochen und bin den Gestank vom klinischem Abfall los.”, meinte Schwette.

“Davon abgesehen, hab ich in einer der Service-Bays einen Lastengleiter gesehen. Falls er funktionsfähig ist, schaffen wir’s wesentlich schneller zu unserem Dock.”, sagte Anus.

Der Lastengleiter machte, aus der Nähe betrachtet, keinen besonders guten Eindruck. Die Kratzer in der Lackierung und die Dellen und Schweissnähte im Blech zeugten vom rauhen Umgang mit dem Vehikel.

Anus verstaute die Waffe unter dem Sitz des Co-Piloten und Schwette schwang sich in den Pilotensitz. Er drückte den Startknopf und die Anzeigen des Gleiters erwachten zum Leben. Der Bootprozess des Boardcomputers war von einem sich drehenden Minmatar-Logo begleitet. Einige Sekunden später verlange der Computer einen Berechtigungsnachweis. Schwette starrte auf das Display und ein langgezogenes “Ähhhhhmm…” kam aus seinem Mund.

Anus hielt ihm die Keycard des Wachmanns unter die Nase.

“Danke.”, murmelte Schwette verlegen und steckte die Karte in den Lese-Port.

Der Antigravitationsantrieb begann zu summen und der Gleiter begann zu schweben.

“Ich hoffe, du kannst das Ding fliegen.”, sagte Anus skeptisch.

“Akademie, erstes Semester. Steuerung von Fluggeräten ohne POD-Schnittstelle.”

“Wie hast du abgeschnitten?”

“Gar nicht, bin aus dem Kurs geflogen.”

Anus schnallte den Sicherheitsgurt fest. “Warum frag ich bloß.”

Schwette bewegte den Gleiter aus der Service-Bay, drehte ihn um seine Achse und schnellte in Richtung der Docking Bay.

Sie flogen an gedockten Schiffen vorbei, darunter einige Fregatten und eine Tempest. Der Größenunterschied des Battleships zu den Fregatten war enorm und es dauerte mehrere Minuten, bis sie am anderen Ende angelangt waren.

“Sag mal, Anus. Warum kannst du mit nem Gewehr so gut umgehen? Das lernt man doch nicht im Leistungskurs für Bierkistenchauffeure?”

Anus sah ihn an. “Du bist ganz schön neugierig. Ich war früher mal bei der Caldari Navy, Mobile Infanterie. Aber irgendwann hatte ich die Schnauze voll und bin zur Akademie.” Er blickte aus der Pilotenkanzel und sah die Bay an der ihre Schiffe lagen. “Da rüber.”

Rund um die Schiffe schien nichts los zu sein. Schwette entschied sich, im Verladebereich zu landen und setzte den Frachtengleiter etwas unsanft auf den Boden, sodaß sie beide in die Sicherheitsgurte gedrückt wurden. Anus verdrehte die Augen.

Einen Momemt später öffnete sich eine große Luftschleuse in der Nähe und zwei Soldaten schritten auf sie zu. Anus blickte Schwette ernst an. “Wir müssen improvisieren.” Schwette nickte bloß. Sie stiegen aus dem Gleiter und blieben davor stehen. Als die Soldaten näher kamen, konnten sie erkennen, daß es sich um einen Offizier und, wegen der leeren Dienstgradabzeichen, um eine Rektrutin handelte. Sie entsicherte ihre Waffe, während der offensichtlich schlecht gelaunte Offizier einen PDA hervorzog. “Scheint als hätte es einen Schichtwechsel gegeben, das sind nicht die beiden von vorhin.”, raunte Anus in Richtung Schwette. “Macht die Sache etwas einfacher.”

Die Rekrutin blieb einige Meter hinter dem Offizier stehen, der zu Anus und Schwette trat und sie mürrisch anschnauzte. “Tag die Herren. Hat man ihnen nicht mitgeteilt, daß diese Bay geschlossen wurde? Hier hat nur noch militärisches Personal Zutritt. Ihre ID-Cards bitte.”

Anus blickte zu Schwette und zuckte mit den Schultern.

Schwette stammelte. “Ääh, aah… Guten Tag. Nein, wir haben keine derartige Information erhalten. Wir wurden von der Wartungsabteilung herbeordert, um den Kadaver zu entfernen.” Schwette zeigte auf die vordere Panzerung der Tengu.

Der Offizier tippte am Display seines PDAs herum und machte wischende Bewegungen. “Und sie sind sicher, daß sie nicht benachrichtigt wurden?”, fragte er, wärend er weiterhin den PDA bearbeitete.

Anus beobachtete inzwischen die Rekrutin mit leicht zusammengekniffenen Augen. Sie schien ihm bekannt, er konnte sie allerdings nicht zuordnen. Er schüttelte den Kopf und verwarf den Gedanken.

“In den Logs ist ebenfalls kein Vermerk zu finden, daß sie hierher geschickt worden wären.”, fluchte der Offizier. “Das verdammte neue Verwaltungsprogramm funktioniert immer nur die Hälfte der Zeit. Ihre IDs bitte, vielleicht lässt sich das Problem auf diesem Weg klären.”

Anus griff erst an die Brusttasche seines Overalls, tastete dann an sich hinunter und sagte schließlich schulterzuckend: “Ach verdammt, jetzt hab ich die Karte glatt im Büro liegen lassen.”

Schwette durchsuchte auch seine Taschen. “Sieht schlecht aus, meine liegt wohl auch in der Werkstatt.”

Der Offizier blickte sie skeptisch an und strich mit einer Hand über die Bartstoppeln. “Nur mal eine Frage. Wie habt ihr’s denn bitte geschafft, ohne ID-Cards mit dem Gleiter überhaupt hierher zu fliegen?”

Anus und Schwette blickten erst einander und dann wieder den Offizier an und zuckten mit den Schultern.

Die Erkenntnis schien den Offizier ins Geschicht zu schlagen. Der PDA glitt aus seiner Hand. Er trat einen Schritt zurück, riss gleichzeitig seine Waffe aus dem Holster und brachte sie in Anschlag. Er rief: “Rekrutin Durenald, informieren sie die Zentrale. Wir haben hier einen Zwischenfall! Schnell!”

Anus ging ein Licht auf.

Als der Offizier keine Antwort bekam, drehte er sich um und starrte in den Lauf der Maschinenpistole, die die Rekrutin auf ihn richtete.

Er brüllte: “Sind sie wahnsinnig geworden! Lassen sie die Waffe fallen! Das ist Hochverrat!”

Sie bleckte die Zähne zu einem kalten Grinsen. Der Offizier röchelte und brach mit einem Loch im Hals zusammen. Sie trat gegen die Leiche, so dass sie zur Seite rollte. “Ich konnte das Arschloch nie leiden. Ach ja, Grüße von einem gemeinsamen Freund. Ich soll euch mitteilen, dass ihr schleunigst abhauen sollt. Ich hoffe ihr habt den PDA des zweiten Söldners mitgenommen.”

Anus blickte sie entgeistert an. “Deirdre…? Was zum Teufel machst du hier? Und ja, wir haben den PDA. Welcher gemeinsamer Freund?”

“Zu viele Fragen, keine Zeit. Rein in die Tengu und raus mit euch. Die Falcon haben sie euch schon stillgelegt. Die Besatzung der Tengu ist immerhin noch da.”, rief Deirdre, während sie an Anus und Schwette vorbei zum Rand der Plattform lief. “Was soll das heissen, immerhin ist die Besatzung da?”, schrie ihr Schwette hinterher. In diesem Moment tauchte ein Dropship von unterhalb der Plattform auf und öffnete die Laderampe. Deirdre drehte sich zu ihnen um: “Ihr habt vielleicht 15 Minuten, bevor hier die Hölle losbricht!” Dann sprang sie auf die Rampe und verschwand im Inneren des Schiffs, das sich kurz darauf im Stationsverkehr verlor.

Anus und Schwette blickten sich sprachlos an und liefen über den Landungssteg zur Andockschleuse der Tengu. Als sie die Schleuse erreichten, öffnete sich die Luftschleuse erneuert und ein gutes Dutzend Soldaten stürmten heraus. Eine Gruppe eröffnete sofort das Feuer, die andere lief weiter zum Landungssteg. Während sich die Luke schloss, konnte man die Einschläge der Geschosse hören.

In der Tengu wartete bereits der wachhabende Offizier.

“Sir, wir haben alles vorbereitet und docken sofort ab. Allerdings gibt es ein geringfügiges Problem.”

Man hörte wie der Dockingmechanismus vom Landungssteg abgekoppelt wurde und die Anti-Grav Generatoren des Schiffs zu summen begannen.

Anus grinste. “Gute Arbeit, ich wusste ja, warum ich sie eingestellt habe. Was ist nun das Problem? Abgesehen von dem Haufen draussen vor der Schleuse.”

“Sir, das Militär hat ihr Pod beschlagnahmt und sämtliche Interfaces plombiert.”

“Hab ich erwartet. Wie sieht’s mit der Behelfsbrücke aus?”

“Wir haben sofort begonnen, die Aktivierungsprozedur durchzugehen, nachdem das Militär von Bord war. Grundsätzlich können wir sofort los, vorausgesetzt sie können die Kiste von Hand steuern.”

“Zeigen sie uns den Weg zur Brücke. Mein Freund hier macht das schon.”, grinste Anus und klopfte Schwette auf die Schulter.

Während sie zur Brücke eilten, wandte sich Schwette an Anus: “Du weiss schon, daß dieses Ding kein Lastengleiter ist? Ich hab noch nie ein Schiff dieser Grösse ohne neurale Kopplung geflogen.”

Anus blieb stehen und starrte den Gang entlang. Dann drehte er den Kopf zu Schwette und meinte: “Du schaffst das schon.” Er schwieg einen Moment. “Schon seltsam, nicht wahr. So ganz ohne Lebensversicherung abzudocken? Wenn du’s vergeigst, sind wir ziemlich tot.”

“Danke, mit etwas Druck lässt sich’s viel leichter arbeiten.”, murmelte Schwette und schüttelte den Kopf. Anus drückte den Kontrollschalter des Schotts, das sich zischend öffnete und ihnen den Weg zur Behelfsbrücke freigab.

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In der Flugleitung der Station herrschte hektischer Betrieb. Durch die ständigen Übergriffe von Amarr-Truppen in diesem Sektor war sie zur Zeit immer voll besetzt. Der Kommandant der aktuellen Schicht stand mit einem Datentablet in der Hand auf der Observationsplattform. Er war gerade dabei, die Schichtpläne der Kampfpiloten durchzugehen und nahm einen Schluck Kaffee aus der thermisch isolierten Tasse. Einer der Fluglotsen riss ihn aus seinen Gedanken.

“Sir! Es gibt einen Zwischenfall in einer der Docking Bays. Zwei gesuchte Kapselpiloten sind gerade in eine Tengu eingedrungen. Der Sicherheitsdienst meldet ein Feuergefecht mit mehreren Einheiten.”

“Ist eine Überwachungsdrohne vor Ort?”

“Soeben angekommen.”

“Auf den Bildschirm.”

Er blickte auf den Holo-Monitor.

“Ist das die Bay, die wir auf Anfrage des Aufklärungsdienstes vor einigen Stunden gesperrt haben?”

“Ja, Sir.”, bestätigte der Lotse.

Im selbem Moment ertönte ein periodisches Warnsignal.

“Multiple feindliche Kontakte am DRADIS!”, meldete der Offizer an der taktischen Konsole. “Anzahl der Blips erhöht sich. Eine Flotte von Amarr-Schiffen springt ins System!”

“Vergessen sie die Tengu. Roter Alarm!”, rief der Kommandant.

“Sir, die Flotte fällt soeben vor der Stationen aus dem Warp!”

“Das gesamte Stationspersonal auf Gefechtstationen! Lassen sie alle verfügbaren Schiffe besetzen und zum Kampf bereit machen!”

Überall in der Station ertönte der Gefechtsalarm. Die Schotts im äusseren Stationsring wurden geschlossen. Das Personal lief hektisch zu ihren Stationen, während die ersten Schiffe ihre Triebwerke starteten. Wenige Minuten später glitten die ersten Schlachtkreuzer aus ihren Buchten.

In der Kommandozentrale der Flugleitung herrschte nun Hochbetrieb. Die Station erzitterte merklich.

“Sir, mehrere Cynofelder vor der Station! Zwei Amarr-Träger und ein gutes Dutzend Schlachtschiffe sind soeben vor die Station gesprungen.”, meldete ein Offizer.

“Melden sie an das Flottenkommando, daß wir hier ein grösseres Problem haben und dringen Verstärkung benötigen.”, befahl der Kommandant.

Einer der Fluglotsen sprang plötzlich auf und zeigte durch die Fenster der Aussichtsplattform. “Sir…”,  er brach mitten im Satz ab.

Der Kommandant drehte sich um. Anfangs war nur ein Punkt zu sehen, der aber schnell grösser wurde. Es war eine Fregatte der Executioner-Klasse, die direkt auf sie zusteuerte. Er gab noch den Befehl, die gepanzerten Fensterläden hochzufahren, aber es war bereits zu spät. Bevor sie sich vollständig schliessen konnten, durchschlug die Fregatte ein Panoramafenster und vernichtete die Flugleitung und den Kommandostand. Für die beinahe zwanzig Menschen war es ein schneller Tod. Trümmer wirbelten im Inneren der Docking Bay umher. Ein Teil des Schiffs wurde in eine der Landebuchten geschleudert und zerstörte eine Minmatar-Fregatte samt Besatzung. Die Gangway brach durch die Wucht des Aufpralls und die nachfolgende Explosion seitlich weg. Weitere Trümmerteile wurden in die Station geschleudert. Heilloses Chaos brach aus.

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Als Anus und Schwette die Brücke betraten, erblickten sie zwei weitere Offiziere, die bereits auf ihren Plätzen saßen. Eine war eine zierliche Frau, deren rote Haare unter ihrem Helm hervorstachen, der andere war ein kräftig gebauter Minmatar. Beide trugen dunkelgraue Uniformen und waren mit Eingaben an ihren Konsolen beschäftigt.

Die Behelfsbrücke war mit vier Konsolen und fünf Sitzen spartanisch eingerichtet, erlaubte aber Zugriff auf sämtliche Schiffsfunktionen.

Die Plätze von Steuermann und Navigator befanden sich in der ersten Reihe, direkt vor dem Hauptschirm, dahinter die Konsolen des Kommunikations- und des taktischen Offiziers. Eine feine Staubschicht bedeckte den gesamten Raum. Offenbar war die Behelfsbrücke noch nie in Verwendung gewesen, seit das Schiff vom Stapel gelaufen war.

Schwette nickte den beiden Offizieren zu, die knapp salutierten. Dann schwang er sich in den Pilotensitz. Anus murmelte einen Gruß, wurde aber ignoriert.

Schwette grinste ihn an. “Deine Mannschaft ist wohl schon öfter in Fluchtkapseln nach Hause geflogen, was?”

Anus schnitt eine Grimasse. “Meine Besatzung und ich haben eine lockere Beziehung zueinander.”

Schwette schüttelte den Kopf. “Wen wundert’s. Wieviele Wracks waren es dieses Jahr? Zwanzig?”

Anus grunzte und griff nach dem Stuhl des Captains, um sich festzuhalten, als das Schiff eine plötzliche Seitwärtsbewegung machte.

“Trägheitsdämpfer!”

“Jaja…”, murmelte Schwette und drückte einen Schalter. “Schnall dich an, ich glaub hier ist gleich der Teufel los.”

Anus ließ sich in den Sitz fallen. “Wo ist der Navigator?”

“Anwesend, Captain!”. Ein weiterer Offizier hatte die Brücke betreten und begab sich auf seinen Platz.

“Na dann. Schwette, verschwinden wir hier!”

“Sir, Blips vor der Station, Anzahl steigt.”, meldete die Rothaarige.

“Bringen sie die Shield Hardener online und schicken die die Schadenskontrollteams auf ihre Stationen.”, befahl Anus.

Das Schiff bewegte sich langsam von der Landeplattform weg und drehte in Richtung der Abdockschleuse. Rund um sie begannen immer mehr Schiffe ihre Buchten zu verlassen.

“Wir müssen das Chaos nützen um hier möglichst ungesehen abzuhauen. Ich will ungern in einen Kampf verwickelt werden, vor allem nicht mit manueller Steuerung…”. Schwette unterbrach, als eine Amarr-Fregatte mit hoher Geschwindigkeit an der Tengu vorbeischoss.

“Was zum Geier…?”, murmelte Anus und griff nach einem der Headsets, das eine virtuelle Rundumsicht aus der Bilddaten der Kameradronen erzeugte und drehte sich in Flugrichtung der Fregatte. “Der Junge hatte es eilig.”

“Seht euch das an! Auf den Hauptschirm!”, forderte er den Kommunikationsoffizier auf. Das gleissende Licht einer Explosion erhellte die Brücke. “So viel zum Thema Flugleitung. Da herrscht gerade Bombenstimmung.”

Schwette schüttelte den Kopf. “Mich wundert es nicht, daß deine Besatzung keinen Respekt vor dir hat.”

“Ach doch, sie alle kennen die Kommandokette.”

“Ach ja?”

Anus grinste. “Das ist die Kette, die ich raushole und sie so lange damit verprügle, bis sie wissen, wer hier das Sagen hat.”

Der Rothaarigen entkam ein Kichern.

Inzwischen drängten sich dutzende Schiffe rund um den Abdockbereich. Wegen der nun fehlenden Koordination durch die Flugleitung herrschten chaotische Zustände. Mehrere Cruiser schossen mit aktiviertem Nachbrenner an der Tengu vorbei, wurden aber ausserhalb der Station sofort von wendigen Interceptoren abgefangen und durch das konzentrierte Feuer der Amarr-Flotte zerstört.

Amarr Dropships drangen unter dem Feuer der automatischen Stationsgeschütze in den Landebereich vor und luden Bodentruppen ab, die sich anschickten, die Station zu übernehmen.

Schwette drosselte die Geschwindigkeit. “So, was machen wir jetzt? Die knallen jedes Schiff ab, das sich vor die Station wagt. Zurück können wir auch nicht.”

Er zeigte auf eine Formation von Dropships auf den Holo-Display.

Anus strich die Finger durch den Bart, als sich die rothaarige Offizierin meldete. “Sir, ich habe einen Vorschlag.”

Anus starrte weiter auf den Hauptschirm, auf dem ein weiteres Schiff aufblitzte und in einem Feuerball verschwand. “Lassen sie hören.”

“Wir tarnen uns als Wrack.”, sagte sie.

Schwette drehte sich um und blickte erst sie und dann Anus an.

Die Rothaarige führte weiter aus: “Wir gleichen unsere Geschwindigkeit an eines der Minmatar-Schlachtschiffe an und halten uns möglichst knapp über seinem Rumpf. Bevor wir die Station verlassen, fahren wir alle Systeme hinunter, auf die wir verzichten können und manövrieren mit den Lagerungstriebwerken. Durch die fehlende Energiesignatur sollten wir für die Sensoren als Teil des Schlachtschiffs erscheinen. Die Minmatar bauen ihre Schiffe selten exakt nach den Bauplan, wir werden daher wohl auch visuell nicht auffallen. Abgesehen davon erzeugen die Emissionen der Wracks da draussen inzwischen genug Glitches, als dass man uns entdecken würde.”

Schwette zog die Augenbrauen hoch und sah Anus an. “Funktioniert vielleicht. Wenn wir noch etwas Luft ablassen, könnten wir glatt als Wrack durchgehen. Fehlt nur noch das passende Schiff.”

Anus runzelte erst die Stirn und grinste dann. Er tippte an der Konsole herum, die in die in eine der Armlehne seines Stuhls eingelassen war. Ein Schiff erschien auf dem Hauptschirm. “Ist zwar kein Schlachtschiff, aber trotzdem ziemlich groß. Wie wär’s damit?”

“Solange der nicht noch eine weitere Kuhherde geladen hat…”, murmelte Schwette und setze das Schiff in Bewegung. Einige Minuten später schwebte die Tengu nur knapp über der Hülle des Frachters.

“Kommunikation, schicken sie sämtliches nicht unbedingt notwendige Personal in die Rettungskapseln und schalten sie danach sämtliche Transmitter ab.”, befahl Anus.

“Tactical, Waffen und Schilde deaktivieren.”

“Kommunikation offline.”, meldete der Offizer.

“Waffen und Schilde offline.”, meldete die Rothaarige.

“Lebenserhaltung!”

Ein seltsames Gefühl von Leichtigkeit durchfuhr Anus, als die Wirkung künstliche Schwerkraft verschwand. Schwette nahm einen Stift aus der Brusttasche und ließ ihn schweben.

“Lebenserhaltung offline.”

“Ich hoffe der Sauerstoff reicht.”

“Spinnst du? Wir haben…”, Schwette schätzte die Grösse des Raums ab, “knappe 50 Kubikmeter Luft hier drin, bei einem Grundverhältnis von 80:20 N2 zu O2 reicht das, abgesehen von der CO2-Entwicklung, wenigsten einen Tag für uns alle…”. Schwette verstummte als er Anus grinsen sah. Er seufzte. “Ich bin nicht gewohnt, dass du Scherze machst.”

Er klappte die transparente Abdeckung eines Schalters hoch und drückte ihn.

“RCS auf manuell.”

Zwei triaxiale Controller fuhren aus der Konsole hoch. Schwette steckte je eine Hand hinein.

“Navigator, legen sie meine Kontrollen auf ihre Konsole. Also dann. Jetzt gilts.”

Anus runzelte die Stirn.  “Navigator, Pulsweitenmodulation der Steuertriebwerke auf 1:10. Wir sollten auf keinem Fall nach mehr als einem Wrack mit Gaslecks aussehen. Tut mir leid Schwette, du musst mit weniger Steuerleistung auskommen.”

Schwette seufzte ein weiteres Mal.

Ein weiterer Gedanke schoss durch Anus’ Kopf. “Tactical, entkoppeln sie die Verbindungen zu den Schildgeneratoren, deaktivieren sie die thermischen Sicherungen und stellen sie die Ladespannung der Hilfskondensatoren so weit über nominal, bis Leistungskurve nicht mehr weiter ansteigt.”

Die Rothaarige blickte ihn entsetzt an. “Sir, das Elektrolyt!”

“Brechen sie einfach rechtzeitig ab. Wir brauchen einen Notfallplan und das elektrische Feld ist von aussen nicht sichtbar.”

Schwette seufzte ein drittes Mal.

Beide Schiffe trieben nun aus dem Abdockbereich. Wie erwartet, wurde der Frachter sofort unter Feuer genommen. Hunderte von Geschossen schlugen ein. Eine Salve aus den Pulslasern einer Dreadnought schnitt sich durch die Querseite des Frachters. Flammen, genährt vom ausströmenden Sauerstoff, züngelten hervor. Eine weitere Salve traf seine Antriebssektion. Er begann zu taumeln, was Schwette ausgleichen konnte.

Nur wenige Meter von der Tengu entfernt, traf eine Salve Torpedos den Bug des Frachters. Große Stücke der Hülle platzten ab und wurden gegen das Schiff geschleudert. Ein metallisches Kreischen hallte durch die Gänge.

“Sir! Die ablative Armierung und ein Teil der regulären Panzerung haben sich eben verabschiedet!”, rief die Rothaarige. “Auf mehreren Decks gibt es Anzeichen von Hüllenrissen!”

“Ruhig Blut. Fahren sie die Schotten herunter.”

Weitere Teile des Frachters flogen in Richtung der Tengu. Schwette versuchte vergeblich, auszuweichen. Die Fragmente des Frachters rissen auf der Backboardseite eine Gruppe Launcherbuchten zusammen mit einem Teil der Aussenhülle ab. Die Wucht des Aufpralls schleuderte sie vom Frachter weg.

Die Tengu trieb nun taumelnd durch den Raum und zog einen Schweif aus ausströmenden Gas hinter sich her. Auf der Brücke war es still, nur die Warnleuchten blinkten hektisch. Feiner roter Nebel verteilte sich in der Luft.

Die rothaarige Offizierin mit dem Namen Kara Buckstar schlug die Augen auf. Wie durch einen Schleier sah sie Strahlen von Pulslasern sich in den Frachter schneiden, der aufzubrechen begann. Ein gleissender Blitz erhellte die Brücke, als der Reaktor des Frachters überkritisch wurde. Das umgebende Gas der vielen ausgeströmten Schiffsatmosphären begann, ionisiert durch den Gammablitz, zu leuchten. Einen Augenblick später begann sich eine Schockfront zu formen, als die Compton-Elektronen überschallschnell in das vor ihnen liegende Gas krachten. Wenige Millisekunden später erreichte der dadurch entstandene elektromagnetische Puls die Tengu. Die elektronischen Überstromsicherungen schlugen an und auf der Brücke wurde es dunkel.

Ein starker Ruck ging durch das Schiff, als die chemischen Hilfstriebwerke einen Moment lang zündeten. Kara schlug mit dem Helm gegen die Konsole und war bewusstlos.

Keiner der Angreifer bemerkte die Tengu, als diese zusammen mit den Trümmern des Frachters immer weiter von der Station trieb.

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