The Lord of the Wings – Kapitel 4

Kapitel 4:  Ad Astra, Per Aspera

(lat., sinngemäß abgeleitet aus Senecas  ‘Hercules Furens’:  „non est ad astra mollis e terris via“;

“zu den Sternen, durch Mühsal”, or: “to the stars, a rough [road leads]”)

Kira trat durch das Tor der Sicherheitszentrale und atmete tief durch.

Die Wache der Asservatenkammer hatte ihr wortlos die Kiste mit den von ihrem alten Klon geborgenen, persönlichen Gegenständen ausgehändigt, ohne auch nur eine Unterschrift zur Bestätigung der Übernahme zu fordern. Es schien, als wäre sie nie im Sicherheitsystem erfasst, geschweige denn je hier gewesen. Das gesamte Personal war plötzlich fast unangenehm freundlich, so als wäre sie höchstens eine Besucherin und keine Gefangene gewesen. Man hatte ihr sogar den standardisierten Gefangenen-Overall überlassen, so dass sie nicht ihre von Kugeln durchlöcherte Kleidung tragen musste.

Sie kramte ihren PDA aus der Kiste. Der Akkumulator hielt noch einige wenige Prozente seiner vollen Kapazität, so dass sie gerade noch die Nachrichten der letzten Tage durchsehen konnte. Die meisten waren von Leshrac, der offenbar verzweifelt versucht hatte, mit ihr Kontakt aufzunehmen und mit seinen Unmut mit jeder Nachricht deutlicher zum Ausdruck brachte.

Grinsend betrat sie den Turbolift und wählte das Deck ihres Quartiers, das nach wie vor unter ihrem Namen angemietet war.

Auf dem Weg nach oben ließ sie sich die Unterhaltung mit Smith durch den Kopf gehen. Alles was in der letzten Stunde geschehen war, schien ihr irgendwie unheimlich. Ein Gefühl von Paranoia kroch ihren Nacken hinauf. Sie atmete schneller, als sie den Turbolift verließ. Sie fühlte sich beobachtet, blickte um sich, konnte aber ausser einigen heruntergekommenen Gestalten, die durch die Gänge schlichen, niemanden entdecken.

Am Eingang ihres Quartiers, blickte sie sich nochmals um, als sie die Schlüsselkarte in das Lesegerät steckte.

Abgesehen von Leshrac, der nervös im Raum umherlief, gammelte der Rest ihrer Mannschaft entspannt auf der Couch, umgeben von mit Zigarettenstummeln überfüllten Aschenbechern, leeren Spirituosenflaschen und einer Menge an Blechdosen mit dem Aufdruck zweier geflügelter Ochsen.

Schwette war der erste, der sie bemerkte. Er seufzte, streckt die Arme von sich und gähnte: „Wird ja Zeit, dass du kommst.“

Leshrac wirbelte herum, sein Gesicht lief rot an. Er ging mit erhobener Hand und ausgestrecktem Finger auf sie zu und fauchte wütend: „In welche Scheisse hast du uns wieder mal reingeritten? Ein paar Typen haben mich auf dem Weg zum Eingang unseres Wurmlochs abgefangen und mir die Wahl gelassen, aus dem

Shuttle auszusteigen und an Bord zu kommen, oder in der Klonkammer aufzuwachen nur um dabei eine Kugel zwischen die Augen verpasst zu kriegen!“

Kira starrte ihn verdutzt an. „Was hast du gegen eine Milliarde Kredits?“

Leshrac stoppte abrupt. „Eine Milliarde wovon?“

„Kredits. Die Bezahlung für den Deal mit Mr. Smith?“

Kira blickte verwirrt in die Runde.

„Sag mal, hast du von den Prügeln einen neurologischen Schaden abbekommen? Welcher Deal und wer ist Smith?“

Kira zog eine Augenbraue hoch. „Ihr wisst ernsthaft nichts davon?“

„Keiner von uns hat auch nur ansatzweise Ahnung wovon du sprichst.“

Kira verzog den Mund zu einem Grinsen. Sie ging zur Minibar, griff zwei Flaschen Bier und warf eine davon Leshrac entgegen, die dieser gekonnt fing.

„Nimm mal einen Schluck und beruhige dich, dann erzähle ich euch was los ist.“

Leshrac grunzte unzufrieden, öffnete die Flasche und nahm einen tiefen Zug.

„Ihr beide, zuhören!“ Kira trat mit dem Fuß gegen die Couch.

Anus und Schwette setzten sich unter Protest auf und wandten sich ihr zu.

„Also dann. Ich hatte vorhin eine etwas seltsame Unterhaltung mit einem Typen, der mich am Ende aus dem Knast geholt hat. Für jeden von uns gibts eine Milliarde ISK, wenn wir für ihn rausfinden, wohin Dax verschwunden ist.“

Anus und Schwette blickten sie verwirrt an.

Sie blickte mit zusammengekniffenen Augen zurück.

„Wie ich sehe, haben die beiden Säufer gerade ihren Verstand wiedergefunden.“

Anus murrte. Kira ignorierte ihn.

„Ich vermute mal, dass wir aus einer Luftschleuse geworfen werden, wenn wir nicht darauf eingehen, ihr habt selbst gesehen, dass sie jederzeit imstande sind uns zu finden.“

Schwette sprang auf: „Erinnere mich nicht daran. Ich hatte die Schnecke schon an der Angel, als mich ein paar Kleiderschränke erst vom Hocker und dann aus dem Tanzlokal gezerrt haben!“

„Du warst echt dabei, eine abzuschleppen? Keine schlechte Leistung, bei dem Gestank den du aufgegabelt haben musst, als du neben dem Abfallcontainer im Hinterhof eingepennt bist, hätt ich das nicht erwartet.“ Anus lächelte ihn ermutigend an und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

Schwettes Gesicht lief rot an. „Für eine schweigsame Natur redest du manchmal wirklich zu viel. Ahem, wie war das jetzt mit der Milliarde pro Nase?”

Kira wiederholte die Unterhaltung mit Smith. Nachdem sie zu Ende erzählt hatte, saßen Gefährten für mehrere Minuten stumm um den Couchtisch. Jedem von ihnen war klar, dass sie der Situation nicht einfach entkommen konnten.

Leshrac sah inzwischen ein, dass Kira nicht für die Ereignisse der letzten

Tage verantwortlich war. Es schien als, hätte das Universum einen seltsamen Sinn für Humor, der immer wieder dazu führte, dass sie alle miteinander durch eine anscheinend unvorhersehbare Aneinnanderreihung  von Zufällen regelmässig in der Scheiße saßen.

Schwette sprach als erster: „Ich hab keinen Plan, wie wir als nächstes vorgehen sollten. Dax hat die Fliege gemacht, aber wohin?“

„Ich wüsste schon, wo wir anfangen können.“, warf Kira in die Runde.

Leshrac lehnte sich auf der Couch zurück und sagte: „Ich ebenfalls. In Dax‘ Implantations-Emporium, seinem Geschäftslokal. Ich bin mir sicher, dass Schwette seinen persönlichen Computer hacken kann, falls er noch da ist. Mit etwas Glück findet sich etwas, das uns einen Hinweis gibt.“

„In Ordnung. Schwette fliegt da hin und nimmt Anus als Leibwache mit. Du bist doch gern für’s Grobe zuständig, nicht war?“ Kira zwinkerte Anus zu, der die Fingerknöchel knacken ließ und die Zähne bleckte.

„Kira und ich werden inzwischen versuchen, an die Logs der Flugüberwachung zu gelangen.“, sagte Lesh nach keiner kurzen Pause. „Bestenfalls müssen wir nur den Verlademeister schmieren.“

„Richtig, ausserdem sollten wir uns beeilen, bevor die Spur kalt wird.“, meinte Kira.

Während Kira begann, ihre Ausrüstung anzulegen, schickten sich Anus und Schwette an, das Quartier zu verlassen.

„Ich frag mich schon die ganze Zeit, wo ist eigentlich Budaner abgeblieben?“ Anus hatte sich in der Tür umgedreht.

Kira rollte die Augen. „Du warst damals bei Dax schon ziemlich dicht, oder? Ich hab ihn erst zwei Tage danach angeheurt. Der Junge hatte leider Pech.“

Anus zuckte keine Wimper. „Hast du du seine Papiere verkauft? Waren sicher einiges wert.“

„Nein, leider nicht, die hat der Sicherheitsdienst kassiert.“

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Auf dem Weg zum Büro des lokalen Ablegers der galaktischen Flugüberwachung kamen Kira und Leshrac an einer der zahlreichen Aussichtsplattformen vorbei, die direkt über dem Abflugbereich lagen und sahen unter sich eine Gruppe von Mining-Schiffen, die gerade aus dem Abdockbereich der Station glitten. Sie blieben stehen und betrachteten die Barges, die sich in Begleitung einer Orca zum vorgeschriebenen Warp-Sicherheitsradius bewegten. Der Schein des blau schimmernden Abgasstrahls der Triebwerke tauchte die Stationsumgebung in ein seltsames Glühen, während die Gruppe von Schiffen beschleunigte und kurze Zeit später ihre Warp-Tunnels öffnete und in den Weiten des Alls verschwand.

Kira starrte gebannt in die Leere des Weltalls.

„Komm schon, die Aussicht kannst du ein anderes Mal geniessen, wir müssen weiter.“, drängte Leshrac.

„Hast du gehört was man sich über den Anblick da draussen erzählt?“, fragte Kira, die noch immer aus dem Fenster blickte.

Leshrac seuftzte ungeduldig: „Nein, was denn?“

„Es heisst es gibt Leute, die die unendlichen Dunkelheit und Leere gesehen haben und dadurch verrückt wurden, weil ihnen klar wurde, dass sie dem Universum so egal sind wie eine Mikrobe oder ein Staubkorn.“

„Ach, lass doch die Ammenmärchen, die waren sicher schon vorher verrückt.“

Leshrach boxte Kira in die Seite. Sie schrak auf.

„Also gut, gehen wir weiter.“

Die Abteilung der Flugleitsicherung machte im Gegensatz zum heruntergekommenen Rest der Station einen vergleichsweise einladenden Eindruck.

Im Eingangsbereich befand sich ein Auskunftsschalter, der von zwei sichtlich gelangweilten Mitarbeiterinnen besetzt war. Zwischen Zimmerpflanzen in hydroponischen Töpfen waren Displays zu sehen, auf denen sich Darstellungen von Flugrouten abwechselten.

Der Anblick von Kira und Leshrac riss die beiden sichtlich irritiert aus ihrer Trance. Offenbar waren Besucher hier selten.

„Überlass mir das Reden, ich will nicht wieder in Schwierigkeiten geraten.“, flüsterte Leshrac zu Kira. Ihre Augen glühten wie Kohlen, aber sie ließ sich ohne ein Wort zu sagen in eine der vorhandenen Ledercouches fallen.

„Guten Tag, meine Damen!“, begann Leshrac.

Sie grüssten freundlich zurück. “Wie können wir ihnen behilflich sein, mein Herr?“, sagte die Dame von links.

Leshrac versuchte, verführerisch zu lächeln. „Meine Begleiterin und ich suchen nach einem gemeinsamen Freund, den wir zur Zeit nicht erreichen können. Wir wissen allerdings, dass er vor kurzem zu einer Flugreise aufgebrochen ist, deshalb hoffen wir, dass sie uns für uns herausfinden können, wo er sich gerade befindet.“

„Mit Vergnügen, wir benötigen dafür nur die Angaben zur Person und ihren Autorisierungscode.“, sagte die Dame von rechts.

„Ahem, einen Autorisierungscode?“, Leshrac lächelte unsicher. „Meine Codekarte ist unglücklicherweise vor kurzem verloren gegangen, ich warte zur Zeit, dass der Ersatz zugestellt wird.“

Die Dame von links fiel ihm ins Wort: „Ohne Autorisierung der zentralen Flugsicherheit können wir leider keine Auskünfte erteilen. Bitte stellen sie einen Antrag am Infoterminal mit entsprechender Begründung.“

Leshrac wurde sichtlich nervös. „Wie lange wird die Genehmigung dauern? Ich bin etwas in Eile.“

„Sobald sie den Antrag gestellt haben, empfehlen wir ihnen, nach Verlauf einer Woche den Bearbeitungsstatus am Terminal abzufragen.“, meinte die Dame von rechts.

„Uhh.“ Leshrac lief rot an. „Ich habe eigentlich keine Zeit auf dem Dienstweg eine offizielle Anfrage zu stellen. Gibt es denn keine Möglichkeit, mein Problem schneller zu lösen, wenn sie verstehen was ich meine?“

Die beiden Damen blickten sich kurz an, lächelten verschmitzt  und sagten: „Einen Moment, wird müssen uns beraten.“ Sie verschwanden durch eine Tür in ein Hinterzimmer.

Leshrac blickte verwirrt zu Kira, die inzwischen aufgestanden war und vor sich hin grinsend am Infoterminal herumtippte.

„Was gibts da zu grinsen?“

Kira verkniff sich ein Lachen. „Nein, nein, nichts, wie kommst du darauf. Ich hab volles Vertrauen in dich.“

Leshrach murrte und ging zum Wasserspender in der Ecke des Raumes, um sich zu erfrischen.

Einige Minuten später kamen die beiden Damen aus der Tür.

„Nach intensiver Diskussion sehen wir eine Möglichkeit, ihr Ansuchen zu erledigen, falls sie unseren Bedingungen zustimmen.“

„Wieviele Kredits?“, fragte Leshrac.

„Bitte bringen sie uns nicht in Verlegenheit.“ Die Dame von links reichte ihm eine Notiz.

Leshracs Augen wurden grösser. Er grinste breit: „Einverstanden!“

„Sehr schön.“, lächelte die Dame von rechts. „Bitte finden sie sich in zwei Stunden hier ein, danach bekommen sie die von ihnen gewünschten Informationen.“

Leshrac nickte, ein breiten Lächeln im Gesicht. „Los Kira, wir gehen.“

Kira blickte vom Infoterminal auf, zog die Augenbraue hoch, folgte ihm aber ohne Wort zu sagen.

„Wir wünschen ihnen einen schönen Tag!“

Sie gingen zurück zur Aussichtsplattform, wo sich Leshrac mit breitem Grinsen auf einer der Bänke fallen ließ.

Kira blickte ihn fragend an.

„Was war das eben? Was wollen die zwei Tanten?“

“Das übliche, ISK. Und…”, Leshrac grinste begeistert, “Mich!”

Kira legte den Kopf zur Seite. “Wie meinst du?”

Leshrac machte eine weite Handbewegung vom Kopf zu den Füßen. “Das beste, das dieses System zu bieten hat, natürlich.”

Kira lachte laut auf. “Wir sind aber sehr von uns überzeugt, mein Freund. Ich sag dir, das nimmt kein gutes Ende.”

“Ach was, die zwei waren doch ziemliche Schnitten, was soll daran schlecht sein?”

“Genau das würde mir an deiner Stelle Sorgen machen. Die zwei sahen mir nämlich nicht aus, als wären sie notständig. Am Ende haben die eine spezielle Überraschung im Höschen.”, spottete Kira.

“Bah!”, murrte Leshrac, leicht entzürnt. “Da spricht bloß der Neid, weil sie dich nicht wollten.”

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Kira wältze sich gelangweilt auf der Couch ihres Quartiers. Sie war dabei, sich einen Film in visuellem Stereo anzusehen, der auf einem der stationseigenen Pay-TV Kanäle lief.

Der Signalton ihres PDAs schreckte sie auf. Während sie die Nachricht las, begann sie zu grinsen. Es waren die Informationen zur letzten registrierten Flugroute von Dax. Sie ging zur Minibar und griff sich eine Flasche Bier.

Als sie die Flasche an den Mund setzte, glitten die Türhälften des Eingangs auseinander und Leshrac stelzte in den Raum. In diesem Moment signalisierte der PDA eine weitere Nachricht. Sie öffnete den Dateianhang und spuckte lachend Bier auf den Boden. Leshrac war inzwischen breitbeinig zur Couch gehumpelt und ließ sich, leise wimmernd, hineinfallen.

“Hübsch siehst du aus, mit dem roten Gagball im Mund. Und wie du da an der Wand hängst, episch!”

Leshracs Gesichtsausdruck wechselte zwischen Zorn und Schmerz. “Woher konnte ich wissen, dass die zwei auf dem SM Trip sind. Als sie angefangen haben, dachte ich nur, sie wären etwas verspielt. Aber dann wollten sie meine Safekombination aus mir rauspressen und als ich nicht damit rausgerückt bin, haben sie erst so richtig losgelegt und mich immer mehr traktiert.”

Kira verkniff sich das Lachen und runzelte die Stirn. “Die haben dich nach deinem Safe gefragt? Was genau haben sie gefragt? Und was hast du geantwortet?”

Leshrac stöhnte. “Naja, sie wollten wissen was mein Safewort ist. Und als ich ihnen gesagt hab, dass sie in ihrem Arsch nachsehen sollen, ging die Tortur so richtig los.”

Kira lachte in sich hinein. “Also eine Safekombination wollten sie nicht von dir, das kann ich dir sagen.”

“Was meinst du damit?”, fragte Leshrac irritiert.

“Erklär ich dir ein anderes Mal. Ich geh mal duschen, wir müssen möglichst bald los und uns auf die Spur von Dax machen bevor sie kalt wird. Immerhin warst du ja mit vollem Körpereinsatz engagiert um da ran zu kommen.”

Bevor sie in die Dusche stieg, rief sie nach draussen: “Ach ja, was hast du eigentlich für dein Service bezahlt?”

“Du mich auch!”

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