EVE Online – Veles

Veles

Die Gläubigen strömten aus dem kleinen Raum. Zurück auf die Straße, wo sie sich unerkannt in die anonyme Masse der Menschen einreihten, die sich durch die überfüllte Straßen schoben oder gehetzt in Richtung der SubTrans-Stationen eilten. Von den Bodenplatten spiegelten ölige Pfützen die grellen Leuchtreklamen der Umgebung wieder, zurück in den Raum, wo Yuris Neida gerade das letzte Tuch zusammenrollte und in seine Tasche stopfte. Es war gut gelaufen. Zu seiner Überraschung waren sogar mehr Leute gekommen, als bei den Treffen vorher und die Gemeinde – seine Gemeinde – hing ihm nicht nur an den Lippen wie eine Schulklasse, sondern hatte auch eine nicht unerhebliche Menge ISK gespendet, um das wahre Wort der Lehre Veles’ zu unterstützen. Zuerst aber würden ihre Spenden sein Abendessen und die Miete bezahlen. Er schlenderte auf einen der zahlreichen öffentlichen FTL-Terminals zu und aktivierte ihn mit einer routinierten Geste. Einen Teil der heute gespendeten ISK überwies er an “Averron Estates”. Den Rest verschob er über eine verschlüsselte Verbindung und drei Proxy-Nodes quer durch New Eden auf ein anonymes Konto, das ihm in ein paar Monaten ein sorgenfreies Leben ermöglichen würde.

Dann tauchte auch er in den endlosen Menschenstrom ein.

Sie alle wohnten hier. In den dreckigen Slums und dunklen Bereichen der untersten Ebenen. Gefangen in einem hoffnungslosen Kreis aus schlecht bezahlter Arbeit, Drogen und Kriminalität. Hier bestimmten Metal, Dreck und das Brummen der Generatoren und Lüftungssysteme den harten Alltag der Bewohner.

Yuris hingegen hatte es geschafft. Etwas mürrisch steckte er die Keycard in den Slot, der die Tür zu einer 1-Personen-Wohneinheit einige Ebenen höher öffnete.

Er war erst vor ein paar Wochen hier eingezogen und irgendwie war der Geruch seines Vorgängers noch immer vorhanden, wohl auch, weil der hier anonym und einsam vergessen worden war. Die von ihm angeheuerten Reinigungskräfte hatten fast drei Tage gebraucht um die Hautfetzen und Flüssigkeiten des verwesten Körpers zu entfernen.

Mit einem Ächzen streckte er sich der Länge nach auf dem Bett aus und stierte auf die gegenüberliegende Wand. Die KI der Wohneinheit erriet seine Absicht, dimmte das Licht des Raumes und setzt die Wiedergabe des Videos fort, dass er am Abend zuvor angesehen hatte. Auf dem Bildschirm räkelte sich eine eindeutig minderjährige Minmatar, die auf die Anweisungen einer Person hinter der Kameradrohne abwechselnd lasziv ihre Beine spreizte oder ihre kleinen Brüste massierte. Ein flackerndes Neondreieck an der Wand scheiterte kläglich bei dem Versuch die nötige erotische Atmosphäre zu produzieren.

Yuris seufzte. Mit der linken Hand tastete er nach einem kleinen Tütchen in seiner Hosentasche und fingerte nach der gelben Pille, die sich darin befand. Für einen kurzen Moment hielt er die Droge vor sein Gesicht, so dass er deutlich das Serpentis Logo darauf erkennen konnte. Dann steckte er die Tablette mit einer fast

übertrieben langsamen Geste in seinen Mund.

Während er auf die Wirkung der “Yellow Drop” wartete, wanderten seine Gedanken zurück zum heutigen Nachmittag. Die Lehren Veles. Er schnaufte verächtlich und verzog das Gesicht. Die Entdeckung und der Erstkontakt mit den Triglavians hatten für ziemliche Aufregung in New Eden gesorgt. Er hatte beschlossen, von dieser Aufregung und von den Leichtgläubigen zu profitieren, die sich durch die Invasion so etwas wie eine Rettung aus ihren erbärmlichen Leben erhofften. Ein Kribbeln begann sich in seinem Körper auszubreiten. Yuris hob die Hand und betrachtete fasziniert wie gelbe Haare auf seiner Handfläche wuchsen und sich sanft wie Getreide im Wind seines Atems wiegten. Das Video hatte einen interessanten Rotstich bekommen. Die Minmatar-Hure hörte mit den Bewegungen auf und wendete sich ihm nun direkt zu. Sie sah ihn an.

Yuris lächelte zurück und zwinkerte ihr aufmunternd zu. Mit ausdruckslosen Gesicht sah sie ihn weiter an.

“Na komm schon, mach weiter.” lockte er sie.

Der Bildschirm begann zu flackern, aber die kindliche Darstellerin blinzelte nicht einmal. Yuris rieb sich durch die Augen und schaute dann wieder durch schwere Lider in Richtung des Bildschirms. Das Mädchen war verschwunden. Der Raum war leer. Er kniff erneut die Augen zusammen.

Als er sie wieder öffnete war ein rotes Dreieck über seinem Bett erschienen. Mit gerunzelter Stirn richtete er sich auf. Jetzt endlich sah er die dunkle Gestalt, die hinter dem pulsierenden Triangular stand.

“Du bist Narodnya. Nicht korrumpiert. Nicht erweitert. Schwach.”

Yuris schnappte nach Luft. “Ich bin Veles.”

Die Gestalt trat näher heran. Das rote Dreieck wechselte nun seine Farbe zu einem grünen Leuchten, als würde es den ebenso grünen bioadaptiven Anzug der Person imitieren, die es nun einrahmte. Die ausdruckslose Maske eines Triglavian sah auf ihn herab. Yuris zog die Beine an den Körper und wich wimmernd an die Wand zurück.

“Du bist nicht erweitert.”

“Ich bin bereit! Ich kann mich erweitern!”

Der Triglavian legte den Kopf schief.

“Implantate! Ich kann mir ein Implantat einsetzen wenn Du es befiehlst!”

“In der vorwärtsliegenden Zeit wird Veles Narodnya finden wenn er erweitert ist, sonst bleibt eine Übereinstimmung verschlossen. Sobornost ist nahe.”

“Ich werde erweitert sein! Wie Du verlangst!” Yuris schrie in die Dunkelheit des Raumes.

“Licht! Licht!” Die KI der Wohneinheit schaltete das Licht ein. Yuris sah sich um. Dann griff er an ein Wandregal und brach ein Stück des billigen Plastik ab.

“Erweitern, erweitern…” murmelte er. Mit zitternden Händen kramte er in einer Schublade und förderte eine kleine Dose hervor, in der ein Limited Social Adaption Chip schwamm. “Siehst Du? Ich bin vorbereitet! Ich kann mich erweitern!”

Er setzte die Scherbe an der Stirn an und drückte zu. Er schrie auf. Weiter. Weiter! Blut floß in seine Augen. Machte ihn blind. Mit einem Knacken gab sein Schädel nach.

Als die Mietzahlungen ausblieben öffnete ein Serviceteam der Station die Wohneinheit.

Die Reinigungskräfte brauchten fast drei Tage, um die Hautfetzen und Flüssigkeiten des verwesten Körpers zu entfernen.