EVE Online – Volle Dröhnung

Bleib unten!

Es dauert eine Weile bis meinem Booster-Schädel dämmert, dass das noch nicht das Ende war. „Ich fühle einen Puls“, zischt Isokki wie zur Bestätigung den anderen zu. Eine Mischung aus Verwunderung und Entsetzen in seiner Stimme lassen keinen Zweifel an der Fragilität dieses Zustandes. Die Worte „lasst mich hier“ zucken durch den Nebel aus Drop, Fentix und Schmerzen in meinem Kopf, doch ein zitterndes „Bitte“ ist alles was ich herausbringen kann. Dem abfälligen „Das hat keinen Zweck mehr!“ einer der Angels setzt Isokki ein scharfes „Alles kommt mit aufs Schiff!“ entgegen. In die Stimme unseres Anführers ist die gewohnte Härte zurückgekehrt und lässt keinen Zweifel daran, dass diese Anweisung auch für meinen zusammengesackten Körper gilt. Der Widderhall leiser Flüche verrät mir noch, dass ich durch den engen Zugangstunnel zum Schiffshangar geschleift werde, dann entschwindet mein Bewusstsein wieder.

Dumpf… Das Rauschen in den Ohren, der Widerhall von Herzschlägen im Schädel, die Gedanken, die sich unendlich langsam formen. Alles dringt nur wage und zäh durch eine dichte Lage aus Benommenheit, die jede andere Empfindung überlagert. Bruchstückhafte Erinnerungen lassen mich begreifen, warum das katastrophale Zusammentreffen mit dem Bragian Orden ab dem Schusswechsel nur noch aus Stimmen, am Kampfanzug gezogen werden und roten Blitzen in der Dunkelheit bestand. Das verbrannte Fleisch, das ich rieche, ist das meine. Die beiden Augen, auf die ich mich als Pilot immer verlassen konnte, sind es hingegen nicht mehr.

Meine Angst wird zusätzlich befeuert weil ich mich nicht bewegen kann und kippt in schiere Panik, als sich das Geräusch eines Bohrers auf hoher Drehzahl meinem Schädel nähert. Durch das Sirren der Vorrichtung höre ich jemanden halb spöttisch, halb anerkennend „So ein fortschrittliches Implantat kostet über 100 Mille, musst ja was ganz besonderes sein“ murren, ohne dass ich unterscheiden könnte ob er zu sich selbst spricht oder noch jemand im Raum ist. Als der Kerl mit dem Bohrer mein Zucken bemerkt kommt ein lakonisches „Mehr Narkose gibt es nicht, ihr Piloten seid durch die ganzen Drogen sowieso fast resistent“ hinterher. Panisches Reißen an den Fixierungsgurten der Behandlungsliege lässt den Bohrer verstummen und die genervte Stimme fährt fort: „Keine Stress, du spürst keinen Schmerz und wirst hiermit wieder sehen können – wahrscheinlich sogar besser als vorher“.

Die Beleidigungen, die sich in meinem Geist formen, sind deutlich eloquenter, als das „Wo“, das ich aus meinem Körper gepresst bekomme. „Hek“ ist die knappe Antwort einer irgendwie bekannten Stimme aus dem Hintergrund. „Der Boss konnte die Amarr Schlachtschiffe noch in Kador abschütteln. Verdammt, diese Warp Speed Rigs sind wirklich jede interstellaren Krone wert“, erläutert er weiter. „Wer nn..?“, will ich wissen.

„Bloß ein paar angesengte Kampfanzüge. Nur du musstest ja einen Laser mit deiner hässlichen Fresse fangen“ ist die Antwort. „Hoffentlich kannst du mit dem Wunderding im Kopf wieder fliegen. Weil der ganze Gewinn aus der letzten Tour geht an den guten Doc hier und als Kämpfer bist du echt `ne Null“ fährt die Stimme fort, welche ich unterdessen einem von Issokis Krusual-Spähern namens Hesanto zuordnen kann. „Seid ihr jetzt fertig mit den Gelaber?“, klinkt sich der „Doc“ ein und reaktiviert den Bohrer. „Fresse zu und stillhalte! Wenn ich das hier falsch mit deinem Schädel verlöte sind eine Menge Isk im Eimer“.

Augen auf!

Der Doc hatte nicht gelogen. Nach kurzer Eingewöhnung kamen erst fleckige Schatten, dann grobe Umrisse und jetzt langsam die ersten Farben zurück in meine Wahrnehmung. Auch der ‚besser als vorher‘ Teil war nicht übertrieben. Neben einem raubvogelartigen Zoom und der Möglichkeit das Gesichtsfeld auf über 180 Grad zu erweitern kann das Implantat zusätzliche taktische Informationen wie die Geschwindigkeit und Entfernung von Objekten einblenden.

„Gut“, kommentiert Isokki kurz angebunden meine technischen Ausführungen zur unfreiwilligen Neuerwerbung in meinem Kopf. „Dir ist klar, dass du mir und den Jungs mehr als einen fetten Gefallen schuldest?“ „Und einen Haufen ISK, Boss“, ergänze ich mit hängendem Kopf und versuche dabei den Eindruck zu vermitteln es sehr, sehr ernst zu meinen. „Wenn Du nicht so ein brauchbarer Schmuggler wärst hätte ich Dir in dieser verschissenen Lagerhalle auf Kothe dein Booster-verklebtes Hirn weggeblasen“, legt der stämmige Brutor nach. „Und da wäre noch eine Sache“, führt er weiter aus, „Die Erlaubnis zum Anzudocken lief auf deinen Namen und dein Gesicht ist jetzt in den Dateien des Ordens – du wirst also ein neues brauchen. Viel ist von deinem alten sowieso nicht übrig.“ „Du hast mir auch vorher schon immer vorgehalten wie hässlich ich bin“, entgegne ich pampig und es graut mir schon vor dem bevorstehenden Procedere. „Nimm diesmal was Ansehnliches“, schließt Isokki die Unterhaltung und ist schon auf dem Weg aus meinem Quartier.

„All die Jahre und immer noch dieselben lahmen Optionen?“, will ich von dem sichtlich genervten Vherokior Biotechniker wissen, denn alle hier nur „Doc“ nennen. „Neu Eden sieht aus als wäre jeder zweite massiv Inzest geschädigt und ständig habe ich Déjà-vu oder das Gefühl jeden schon irgendwann mal irgendwo gesehen zu haben“, schimpfe ich weiter. Mein digitales Ebenbild verändere sich kaum, egal in welche Richtung ich die Regler auf dem Bildschirm vor mir bewege. „Es gibt auch ein paar neue Sachen, aber das kostet alles so viel wie eine Piloten-Lizenz. Und dein Boss macht mir nicht gerade den Eindruck, als wolle er hier mehr Isk lassen als nötig. Also mach‘ hin“, lässt mich der Doc wissen.

Gerade als ich mir eine möglichst langweilige und unauffällige neue Erscheinung zusammengestellt habe stürmt Hesanto mit den Worten „Neue Anweisung vom Boss, ihr habt noch nicht angefangen, oder?“ in das mir so schon ausreichend verhasste Behandlungszimmer. Sein heiter-amüsierter Tonfall verheißt nichts Gutes und so überraschen mich seine Neuigkeiten auch nicht sonderlich: „Für Mr. Laser-Face hier ist gerade eine tolle neue Position frei geworden. Wir haben einen Kerl in die State War Academy auf Kisogo VII eingeschleust und der Totalschaden hat in einem Anfall von Ritterlichkeit versucht eine Tänzerin aus dem dortigen Pleasure Hub der Guristas zu befreien. Jetzt ist er Fedo-Futter. Noch wird der Trottel nicht vermisst und Isokki teilt meine Auffassung, dass das ein guter Einstieg wäre um das Implantat abzubezahlen.“ „Ich soll die Identität eines bekloppten Rekruten bei der Caldari Navy annehmen? Ihr Krusual habt immer noch die bescheuertsten Ideen!“, entgegne ich dem Handlanger resigniert. „Naja, wenigsten lernst Du dort vielleicht in Deckung zu bleiben“, ätzt der Spitzel zurück. Der Doc beginnt mit demonstrativem Elan damit die Spezifikationen für mein neues Ich in den Gewebedrucker und Identitäts-Chip zu laden. Das Bedürfnis die beiden Minmatar vor mir mit eigenen Händen zu erwürgen weicht nur langsam dem unbändigen Verlangen nach einer Dröhnung; „Klargeistig ist das Alles nicht auszuhalten!“

Alle Mann an Bord!

Irokesen Frisur, sinnentleerte geometrische Muster in‘s Gesicht tätowiert und hässliche Piercings wie an einer Thukker Nutte… Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit das der junge Mr. State War Academy auch nur eine Spur guten Geschmacks haben könnte? „Selbst ich würde jetzt bei mir mit Durchsuchungen nach Drogen, Artefakten und illegalen Waffen anfangen“, geht es mir verdrießlich durch den Kopf. Die faltenfreie Haut, 30 Pfund weniger im Kampfanzug und 10 Zentimeter größer zu sein sind aber eine annehmbare Entschädigung für diese jugendlichen Geschmacklosigkeiten.

Da ich jetzt offiziell nur noch ein Rekrut bin soll ich nicht selbst von Hek nach Kisogo fliegen und so bleibt nur ein Platz zwischen verschwitzen Erzsammlern auf einem Mastodon Raumtransporter. Aber es gibt offensichtlich ein Problem, denn das rostbraun-weiß gesprenkelte Schiff mit dem einprägsamen Namen ‚Emperor of Sand‘ hätte schon vor Stunden abdocken sollen. Leider ist die Musik auf meinen Ohren nicht laut genug um den ganzen Schwachsinn zu übertönen, den die anderen Wartenden so von sich geben. Ein hysterischer Sammler vor mir in Sitzreihe 16 versucht den mitreisenden Zivilisten mit Geschichten von wahllos in die Luft gejagten Bergbau-Schiffen Angst zu machen. „Wenn ich mein Leben lang nur auf Asteroiden feuern würde hätte ich auch Angst vor jeder nicht identifizierten Fregatte im System“, denke ich mir.

Dann geht es endlich los und der Pilot der ‚Emperor of Sand‘ verkündet über Lautsprecher er könne die Verspätung wieder aufholen. Seine Stimme überschlägt sich etwas zu viel für mein Empfinden und ich vermute er fliegt ebenfalls mit biochemischer Unterstützung. Kein Wunder, ich kann mir nichts Langweiligeres vorstellen als Transporter-Pilot zu sein. Es folgen die obligatorischen -von entwürdigender Pantomime begleiteten- Sicherheitshinweise durch die Besatzung und die Anweisung keine in den durchflogenen Regionen illegalen Güter mitzuführen. Die Liste ist angenehm kurz seid sich niemand mehr um starke Booster schert.

„Keine Sorge mein Kleines“, versucht eine Frau in den goldenen Roben der Kor-Azor Familie das kleine Mädchen an ihrer Seite zu beruhigen „wir fliegen nur im Hochsicherheits-Bereich und CONCORD passt auf uns auf.“ Ich verzichte darauf den beiden zu erklären, dass eine Rettung durch die Hand ihres Gottes wahrscheinlicher ist, als eine rechtzeitige Intervention seitens CONCORD. Stattdessen begegne ich dem Entzugserscheinungen der hochdosierten Schmerzmittel mit einer weiteren Dose Quafe Ultra während die Goldrobe anfängt aus den Skripten zu zitieren. Die Sorgen der Anderen teile ich nicht. Aus alter Gewohnheit habe ich mir beim Einsteigen das elektronische Logbuch eines unachtsamen Dockarbeiters angeeignet. Laut der Ladeliste transportiert das Mastodon nur ein paar Korvetten, Fregatten, etwas Handelsware, einige Zivilisten und anderen wertlosen Krempel. Niemand der einen Scanner bedienen kann würde versuchen für so miese Beute einen stark gepanzerten Transporter aufzubringen.

Kleine Luken im Frachtraumsegment der Passagiere geben den Blick auf die irisierenden Farben der kosmischen Nebel frei. Hinter uns liegt das vertraute Rot-Braun der kompakten Metropolis Wolke mit ihren beiden charakteristischen hell gelb leuchtenden Augen in der Mitte. Der Anblick dieser majestätischen Giganten aus Gas und Plasma beeindruckt mich immer wieder. Daran ändert auch das jahrelange Vagabundieren zwischen den Sternen nichts. So wie die warmen Rottöne der Republik mit jedem Sprung des Schiffes schwächer werden, so nehmen die im Gebiet der Föderation vorherrschenden dunklen Grüntöne langsam zu. Sogar das kalte Grau-Blau der Zielregion glaube ich in der Ferne ausmachen zu können. Aber das muss Einbildung oder eine Farbverschiebung durch das Implantat sein. Nur die Route durch eine Konstellation mit niedriger Sicherheitsstufe würde in wenigen Sprüngen in Richtung des Caldari Staates führen. „Wir sind zuversichtlich die Verspätung wieder aufholen zu können“, wiederhole ich in Gedanken. Keine Farbverschiebung. „Der Wahnsinnige fliegt uns vier Systeme weit durch den LowSec!“, entfährt es mir. Und es zeigt sich, dass das genau der richtige Satz war, um die anderen Passagiere in vollkommenes Entsetzen zu stürzen.

Das ist keine Übung!

Im luftleeren Raum werden die Schallwellen eines sich nähernden Antriebes nicht weitergeleitet und so ist es das Krachen der aufeinanderprallenden Schiffshüllen, das wenige Sprünge später unmissverständlich klar macht, dass zu hoch gepokert wurde. Das andere Schiff muss relativ groß sein, denn die ‚Emperor of Sand‘ wird aus dem gesetzten Kurs geradezu herauskatapultiert. „Klein machen!“ schreie ich den noch Ansprechbaren zu. Doch für viele ist es zu spät und ihre Körper taumeln in unnatürlich verzerrten Stellungen an den Sicherheitsgurten. Der nächste Einschlag lässt nicht auf sich warten und ein weiteres Mal wird das Transportschiff mir unglaublicher Wucht weiter in den Raum gestoßen. Die daraus resultierende Rotation gibt für einen kurzen Moment den Blick auf den Angreifer frei. Ein mächtiges Machariel Schlachtschiff ist auf Annäherungskurs und mein Implantat zeigt eine Bewaffnung mit Artillerie-Kanonen an, die einen Funken Zuversicht in mir aufkommen lässt. ‚1200mm Heavy Scout‘ Artillery I‘ entnehme ich der Einblendung und versuche mich zu beruhigen: „Billige Waffen… die sind noch neu im Geschäft und viel zu nah dran – Anfänger!

Die Realität ist oft viel unwirklicher als jede Simulation oder Übung: „Wie wahrscheinlich ist es denn, dass ich bei einem alltäglichen Waffen-Deal von fanatischen Ordensspinnern in den Kopf geschossen bekomme, einen grenzdebilen Caldari-Rekruten verkörpern muss und zum Höhepunkt an Bord von ‚Käp’ten Abkürzungs Kamikaze-Kahn‘ von Amateurpiraten zerleget werde?“, überlege ich. Und da ich mir 100% sicher bin, dass das komplett unwahrscheinlich ist bleiben meine Gedanken ungewohnt fokussiert und klar: „Nicht heute, nicht hier, nicht so.“
Die Waffensysteme des Machariel sind nun aufgeschaltet, denn anstatt weiter gerammt zu werden umfängt das Mastodon die grün pulsierende Helix eines Warpunterbrechers. Mündungsfeuer der aus einem engen Orbit feuernden Geschütze ist als dumpfes Donnern auf der Hülle hörbar, denn die mächtigen Treibladungsgeschosse blasen ausreichend Gas und Partikel zwischen die Schiffe. Die Schockwellen direkter Treffer bleiben jedoch aus. „In die Rettungskapseln!“, weise ich die Mitreisenden um mich herum an während ich mich aus den Sicherheitsgurten schäle. Weniger weil mir ihr Leben viel bedeuten würde, sondern eher weil ich es nicht ertragen kann, wie sie stocksteif und mit offenem Mund ihr Schicksal erwarten. Ich passiere den Platz der Kor-Azor Lady, die mit abgehakten und fahrigen Bewegungen versucht ihren bewusstlosen Schützling aus dem Sitz zu befreien. „Wo ist dein Gott jetzt“ spottet der Zyniker in mir. Aber ein anderer Teil kann sich nicht damit abfinden, dass die Unfähigkeit der gold-berobten Gouvernante das Schicksal des Kindes besiegeln soll. „Nicht heute, nicht hier, nicht so.“

Frauen und Kinder zuerst!

Das ganze Schiff erbebt jetzt unter den ohrenbetäubenden Einschlägen der feindlichen Waffen. Der Machariel muss sich besser positioniert haben, denn die meisten der über einen Meter durchmessenden Geschosse finden ihren Weg nun donnernd in die Schilde und Panzerung der ‚Emperor of Sand‘. Unerträglich heiß geworden ist es im Frachtraum. Wahrscheinlich versucht der Pilot durch Überladen des Antriebes doch noch irgendwie davon zu kommen. Die Hitze, das infernalische Getöse der Geschütze und der Anblick jener Unglücklichen, die mit gebrochenen Gliedern in den Sitzen hängen, bilden eine grauenhafte Szenerie.

Aus der hintersten Sitzreihe kommend und mit einem Kind über der Schulter erreiche ich als einer der letzten bewegungsfähigen Passagiere die Rettungskapseln. „Letzte Kapsel, noch zwei Plätze übrig – da sind einige alleine gestartet – war ja klar“, stelle ich fest. Würde mich auch nicht in ein moralisches Dilemma stürzen, wenn das Amarr Mädchen nicht ausgerechnet jetzt das Bewusstsein wiedererlangt hätte und kläglich nach seiner Begleitung rufen würde. Die hatte ich in ihrem Elend zurückgelassen und ein Blick zurück zeigt, dass ich die alte Dame unterschätzt habe. Einen offensichtlich gebrochenen Fuß nachziehend kämpft sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht zu den Kapseln. Die Intensität der Treffer nimmt noch einmal zu. Das Ächzen und Quietschen von deformieren Stahl verrät, dass die Panzerung durchbrochen wurde und die Schiffshülle Schaden nimmt. ‚Flottenhangar‘ lese ich auf der Schott am Ende des Verbindungsganges. „Will ich denn in einer verdammten Rettungskapsel festsitzen?“, frage ich mich. „Nein!“ also ein paar Schritte zurück, die Goldrobe gepackt und samt der frommen Besitzerin zum Kind in die Kapsel geworfen. Das Triebwerk startet automatisch als ich die Luke schließe.

Entweder wurde der Gravitationserzeuger getroffen oder der Bordreaktor ist leergebrannt, jedenfalls muss ich mich durch Schwerelosigkeit an den Wänden zum Hangar ziehen. Jetzt bereue ich es nicht den Helm eines Erzsammlers gegriffen zu haben, denn bei jedem weiteren Artillerie-Einschlag stoße ich mir den Kopf. Durch eine Scheibe im Zwischenschott sehe ich nicht weit entfernt mehrere unbeschädigte Raumschiffe stehen. Ihr Anblick würde mir mehr Hoffnung machen, wären da nicht die besorgniserregend großen Löcher in der Außenwand des Hangars. Ohne Zweifel bliebe von meinem Fluchtplan nicht viel übrig sollte dort noch eine gegnerische Salve ihr Ziel finden. „Wenigsten kann ich in diesem durchsiebten Hangar nicht mehr vom Unterdruck ins All gezogen werden“, meldet sich mein Optimismus. Die fehlende Luft ist nur ein kleines Hindernis, welches sich leicht mit meinem Notvorrat an Sauerstoff überwinden lässt. Das Mundstück des kleinen Druckbehälters zwischen den Zähnen reiße ich die Schott über die manuelle Bedienung auf. Mit einem Ruck zieht mich der Druckausgleich zwischen Gang und Hangar in Richtung der Schiffe. Jede Möglichkeit sich Festzuhalten oder Abzustoßen ist außer Reichweite und so schleudere ich unkontrolliert an der ersten Korvette vorbei. Die kosmische Kälte steigt mir in die Glieder und ich verspüre tiefe Zuneigung für den Ibis auf dessen Frontpartie meine Flugbahn abrupt endet. Ein automatisches Notfallprotokoll oder der Pilot des Mastodon haben alle Sicherheitsmaßnahmen deaktiviert. Somit ist der Weg in das Cockpit eine der leichteren Passagen auf meinen Weg aus dieser Misere.

Volle Kraft voraus!

„Ob der Pilot das Feuer absichtlich auf die gegenüberliegende Seite des Transporters gezogen hat um die Evakuierung zu erleichtern?“ überlege ich. Zumindest haben auch Teile der Besatzung einen ähnlichen Plan, denn weiter unten im Hangar werden bei einer Fregatte gerade Antrieb und Schilde aktiviert. Auch die großen Löcher in der Außenhülle kommen jetzt sehr gelegen, denn das eigentliche Hangar-Tor ist weit entfernt. Eine Korvette zu fliegen wäre sonst weit unter meiner Pilotenehre, aber bessere Schiffe sind ohne zusätzliche Besatzung nicht zu steuern. Vielleicht wäre das für einen dieser sagenumwobenen Kapselpiloten möglich. Aber ohne die unmittelbare Verbindung eines Klones mit dem Schiff braucht es für alle größeren Klassen Ingenieure, Navigatoren und Richtschützen. Zudem habe ich diesen Ibis schon in’s Herz geschlossen und entferne mich in einer weiten Spirale vom weidwund geschossenen Mastodon. „Nicht das sich eine Artilleriebatterie löst und dich in Visier nimmt“, rät mein Überlebensinstinkt. Auf den Bildschirmen der Rückansicht blitzt eine gewaltige Detonation auf. Instinktiv bereite ich mich auf die Schockwelle vor und komme mir im selben Augenblick ziemlich dumm vor. Ohne Atmosphäre erreichen nur ein paar Trümmerteile die Korvette und prallen fast lautlos an den Schilden ab. „Das war eher der ‚Emperor of Sad‘ und jetzt nichts wie weg hier“ verabschiede ich mich in Gedanken.

Der kurze Moment in dem das Schiff vor dem Warpsprung noch einmal fast bewegungslos verharrt, lässt mich ein letztes Mal die Luft anhalten, dann schieße ich mit Überlichtgeschwindigkeit auf das Sprungtor in Richtung Hochsicherheitsbereich davon. Wenn mich jetzt keine Radialbomben auf der noch unsicheren Seite der Tores erwarten könnte diese Episode mit einem entspannten Weiterflug im eigenen Schiff nach Kisogo VII enden. Vielleicht mit einem kleinen Zwischenstopp im nächsten Pleasure Hub, verdient habe ich das allemal. Doch Isokko hatte mir vor dem Start eingebläut wie wichtig es wäre, dass ich umgehend den Posten als Rekrut übernehme. Also setze ich hinter dem Sprungtor einen direkten Kurs zur Akademie und hoffe, dass ein paar Booster mich schon wieder fit bekommen werden.

Ich kontaktiere den Boss auf einer verschlüsselten Frequenz und liefere eine kurze Zusammenfassung des Zwischenfalls ab. „Immerhin bist Du so schneller ans Ziel gekommen“, ist sein gewohnt einsilbiger Kommentar. „Wir haben Neuigkeiten aus Kisogo“, schaltet sich Hesanto in den Kanal unserer ‚Unternehmung‘ ein. „Eine Kontaktperson mit Zugang zu den Quartieren sollte Dich dort erwarten und auf Deine Rolle vorbereiten“, fährt der Krusual-Spitzel fort. „Doch heute sind alle Rekruten zu einer Mission ‘Epsilon Neun Kappa‘ im selben System beordert worden. Wir konnten die Logbücher manipulieren um die Anwesenheit unseres Mannes auf der Mission vorzutäuschen, aber lange lässt sich das nicht aufrechterhalten.“ „Ich sehe da wenig, was ich machen könnte“, entgegne ich. „Ohne Vorbereitung wird es für mich unmöglich spontan seine Identität anzunehmen. Ich bin Schmuggler, kein Spion.“. „Flieg einfach zu den verfluchten Koordinaten und improvisieren ein wenig. Stell Dich zugedröhnt, dass sollte dir doch leicht fallen,“ schlägt Hesanto vor. „Das ist ja maximal unverdächtig“ ist mein sarkastischer Einwand. Doch Isokko beendet das Gespräch mit einem „Dein neues Gesicht hat uns einiges gekostet, jetzt schau dass es sich bezahlt macht!“ dem ich nichts entgegenzusetzen habe und daher beende die Verbindung mit einem leichten Stöhnen: „Klargeistig ist das alles nicht auszuhalten!“

War ja klar!

Zuerst dachte ich das ungute Gefühl in der Margengrube wäre nur dem Mangel an fester Nahrung und den Nebenwirkungen der Booster geschuldet. Doch nachdem ich zu den von Hesanto übermittelten Koordinaten in Kisogo gesprungen bin wird mir schlagartig klar, dass meine Serie unglücklicher Ereignisse noch nicht abgerissen ist. Der Ibis ist gefangen in einem großen Warpunterbrechungsfeld und die Scanner sind übersät mit unzähligen Trümmern verschiedenster Art. „Ich muss hier weg, aber schnell!“, überlege ich während ich zur besseren Umsetzung dieses Vorhabens den Rest Quafe Zero und Mindflood leere.

Dumpf… das Rauschen des Bordfunks, der Klopfende Schmerz in meinem Schädel, die sich unendlich langsam formende Erinnerung wie ich hierhergekommen bin. Das alles dringt nur wage und zäh durch eine dichte Lage aus Übelkeit und führt zu der Erkenntnis, dass ich es möglicherweise übertrieben habe. Dann diese Stimme… diese nervenzerfetzende, aufgesetzt zackige Stimme, die etwas von „unglaublich Rekrut“, „Panik“ und „Driftern“ kräht. Als ich die Augen öffne sehe ich eine Frau in der dunkelblauen Uniform der Caldari Navy auf dem Lokalkanal, die sich gerade mit „ICH BIN FLOTTENKOMMANDANTIN KAATARA“ vorstellt. Dabei klingt ihre Stimme so als wollte sie ein Fedo abrichten. Meine Schiffs-KI wird aktiviert und Aura beginnt Ratschläge wie in der ersten Flugstunde zu geben. Während ich versuche zumindest eine der beiden nervenden Frauenstimmen wieder abzuschalten lässt mich meine neue Befehlshabende wissen, wie enttäuscht sie sei mit jemanden von der Akademie zusammenarbeiten zu müssen. Immer noch auf das Aufwachen aus einem drogeninduzierten Delirium hoffend ignoriere ich den Schwall ihrer weiteren Befehle.

„Rufe alle Konvoy Epsilon Neun Kappa Überlebende“, versucht es die Flottenkommandantin noch einmal. Wir beide teilen den Wunsch, der in ihrer Stimme mitschwingt: Es mögen sich doch bitte noch jemand anderes zum Rumkommandieren finden! Doch die Kanäle bleiben deprimierend still. „Zumindest kann jetzt niemand mehr meine Deckung auffliegen lassen“, versuche ich der Situation etwas Positives abzugewinnen. „Mal sehen wo mich das alles hinführen wird. Aber wenn mich diese Uniformierte noch einmal mit ‚REKRUT‘ anbellt weiß ich auf wen ich das Feuer eröffne. Klargeistig ist das alles nicht auszuhalten!“

ENDE

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