EVE Online – Verrat

Pipi Rijordan blickte über den Rand ihrer Datenbrille auf das Ausgabefach in ihrem Forschungslabor. „Das ist unmöglich.“, murmelte sie. Mit spitzen Fingern griff sie nach der soeben entstandenen Blaupause und spürte, wie ihr die Aufregung das Blut durch die Venen jagte. Eilig verließ sie den Labortrakt.

„Sieh dir das an, Corben! Wir können den Krieg verhindern!“ rief sie, in das Büro des CEO eintretend. Sie hatte zu jeder Tages- und Nachtzeit Zutritt in die Räume Corben Vandenpuups, schätzte dieser doch ihren naiven Forschergeist und ihr überaus ansehnliches Äußeres. Vandenpuup hob den Blick, nahm seine für ihn so markante Sonnenbrille ab und steckte sie sich ins Haar.

Mit ein paar geschmeidigen Schritten war sie an seinem Schreibtisch und legte ihm mit einer eleganten Bewegung die Blaupause auf einen Stapel Datenfolien.

„Eine T4-Blueprint?“ Corben Vandenpuup schaute ungläubig auf das kleine Folienstück. „Wie ist das denn möglich?“ Sein Blick glitt hoch in Pipis Gesicht. Ihre Augen strahlten. „Wenn die Schiffe schnell in Produktion gehen, wären wir wie eine Art…“ sie suchte nach Worten und ihre Hände fuhren durch die Luft, „…wie eine Art Pufferzone zwischen Ferro Dejection und Midnight Oil. Beide Corporations würden mit uns als dritter Kraft zu Friedensverhandlungen gezwungen sein. Stell‘ dir vor! All die Leben, die gerettet werden könnten. Und all die Schiffe und Upwells, die nicht zerstört würden!“

„DIE Schiffe?“ Corben war nicht entgangen, dass Pipi von einer Mehrzahl sprach. „Ja, ich weiß noch nicht, welche Parameter dazu führten, aber es können praktisch unendlich viele Kopien gezogen werden.“ Vandenpuup erhob sich von seinem Arbeitsplatz. Er stand nun sehr dicht vor Pipi und überragte sie um anderthalb Köpfe. Er neigte sich zu ihr herab, seine Stimme war fast ein Flüstern. „Pipi, das bleibt unter uns. Niemand anderem in der Corpleitung oder im Labor darfst du davon erzählen.“ Eindringlich schaute er sie mit seinen blauen Augen an. „Aber…ich dachte…Krieg ist doch nicht gut. Unsere Miner sterben da draußen! Wir könnten endlich Stärke beweisen und beiden Parteien Einhalt gebieten! Denk doch nur, eine ganze Flotte T4-Kreuzer! Endlich wären wir kein Spielball der Mächtigen mehr!“ Sie schaute zu ihm hoch, ihre Stimme wurde piepsig, was sie ärgerlich machte, beinahe so ärgerlich wie sein offensichtlich zögerliches Verhalten. Warum teilte er ihre Begeisterung nicht! Was war los mit ihm?

Sie schnappte sich die Folie, geistesgegenwärtig die Sekunde des Schweigens zwischen ihnen nutzend. „Nun, ich muss ohnehin die Parameter noch überprüfen, wie gesagt, ähm…und natürlich erzähle ich niemandem davon, verlass dich auf mich.“ Damit war sie auch schon an der Tür und verließ, um Unbekümmertheit in der Stimme bemüht, das Büro.

Draußen blieb sie stehen. Was sollte sie nun tun? Mit der Allianz sprechen? Über Vandenpuups Kopf hinweg? Während sie dastand und dem Rauschen in ihrem Kopf zuhörte, drang aus dem Büro die energische Stimme Vandenpuups. „Nein, Atako! Für ein solches Schiff wirst du schon mehr anbieten müssen! Dir muss doch klar sein, dass mit diesem Deal mein Schicksal bei Senseless Attractions besiegelt ist. Also, versuche kein Tänzchen mit mir. Ich kann mich auch an andere wenden.“ ‚Oh nein‘, dachte sie. Atako Rorfrey war militärischer Kommandant des Salza Cartels in der Region Cheek Pouch, in der Pipi Rijordan ihr Zuhause hatte und mit ihr alle tausende Mitglieder ihrer Corporation! Rorfrey war ein Schlächter, seine Horden überfielen jede Minerflotte, derer sie habhaft werden konnten und töteten die Besatzungen der Industrialschiffe, die sie ausraubten. Mit dem machte Vandenpuup nun gemeinsame Sache für seinen persönlichen Vorteil?

Pipi schossen die Tränen in die Augen. Wütend wischte sie sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Sie musste diese Blut-Allianz verhindern! Sie rannte den Flur entlang, rannte blind an den Aufzugsanlagen vorbei und Dick Riemen direkt in die Arme, der mit einer Gruppe Kampfpiloten geradewegs um die Ecke bog. Hart prallte sie gegen seine breite Brust. Mit frechem Grinsen umschloss sein rechter Arm ihre Taille und hielt sie fest. „Hallo, da ist ja unsere bezaubernde LaborQueen. Wohin so eilig?“ „Ich…ähm…ja also…“, stotterte Pipi überrumpelt. Sie bekam einen knallroten Kopf. Schon seit langem sah sie Dick und seiner Staffel hinterher, wenn er mit seinen Männern zu den Kampfeinsätzen startete und betete jedesmal, dass er doch bitte zurückkommen möge. Er wusste nichts von ihren Gefühlen und trieb seinen Schabernack mit ihr, sooft sie sich in der Station begegneten. Sie nahm all ihren Mut zusammen, schob seinen Arm von sich und sagte: „Dick, eine Frau auf dem Flur einzufangen ist die eine Heldentat. Eine andere wäre es, sich ihr in ihrem Labor zu stellen. Was meinst du?“ „Ist das ein Angebot für ein Date?“ Die anderen Piloten sahen der Szene grienend zu. „Wenn du so willst, ja. Sei heute Abend um 20 Uhr Evetime bei mir. Du weißt, wo du mich findest.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um, straffte sich und schritt den Flur hinunter.

Pünktlich um 20 Uhr meldete der Kommunikator an der Labortür Dicks Besuch. Pipi trippelte auf ihren Highheels zur Schleuse und öffnete. Hier war sie auf ihrem Terrain. Das gab ihr etwas Selbstbewusstsein und Zuversicht. Mit einem Lächeln nahm sie zur Kenntnis, dass Dick frisch rasiert war. In seinem Flight Jacket sah er umwerfend aus. Ungelenk hielt er ihr eine Flasche Spiced Wine hin, legte den Kopf schief und sagte „Es sollte eigentlich ein Fedo werden. Aber die sind hier nicht zu kriegen.“ „Du musst mich nicht beschenken.“, sagte Pipi leise und nahm ihm die Flasche ab. „Eigentlich muss ich auch über etwas wichtiges mit dir reden.“ Ein kurzer Anflug von Enttäuschung huschte über sein Gesicht. „Ach so, na dann…worum geht’s denn?“ Pipi winkte ihn zum Forschungspaneel und deutete auf die blau leuchtende Blueprint. „Darum geht es.“

Dick riss die Augen auf und stammelte „Wa…was ist das? T4?“ „Ganz genau, ich konnte es selbst kaum glauben.“ Dann erzählte Pipi ihm von ihrem Gespräch mit Vandenpuup und was sie ungewollt mitgehört hatte. „Dieses Schwein“, rief Dick, „wie kann er uns alle wegen Geld und Macht hintergehen? Klar, es sterben nicht wirklich Menschen. Aber es ist wie ein Stückchen Tod, wenn du in deinem Clon erwachst. Es macht was mit dir. Du bist nicht mehr derselbe.“ Pipi lehnte sich gegen ihn und hauchte „Dass es so ist, habe ich nicht gewusst. Ich habe meinen Clon noch nie verlassen müssen.“ Sie schmiegte ihren Kopf an seine Brust und berührte mit ihrem Schenkel den seinen.

Plötzlich spürte sie etwas sehr großes, sehr hartes. Unwillkürlich fuhr ihre Hand dorthin. Nun war es an ihr, zu stammeln „Wa…was ist das??“ Dick lachte glucksend. „Das, meine Schöne, ist mein Talisman.“ Dann zog er eine Projektilhülse aus der Hosentasche und legte sie Pipi in die Hand. „Nach jedem Gefecht nehme ich mir eine mit und behalte sie bis zum nächsten Einsatz.“ Pipi betrachtete den metallischen Gegenstand, der deutlich länger als ihre Hand war. Sie versuchte, die Hülse mit ihren Fingern zu umschließen. Es gelang ihr nicht. Sie stellte das Projektil aufs Paneel. Dick räusperte sich. „Du hast da eine Riesensache erforscht. Aber diese Technik gehört nicht in die Hände von irgendjemandem, schon gar nicht in die von Vandenpuup oder Rorfrey. Ich kenn‘ da gute Jungs bei Concorde. Denen solltest du die Blueprint zuspielen.“ „Aber wie soll ich sie aus dem System herausbringen? Vandenpuup weiß, dass ich die Blueprint wieder mitgenommen habe.“ Fast gleichzeitig glitten ihre Blicke zu der Geschosshülse. Dick sagte vorsichtig „Wenn du mir vertraust, kann ich sie mitnehmen. Wir haben seit gestern ein Wurmloch in den Highsec-Bereich, das sollen wir morgen rollen. Ich könnte mich absetzen und nach Jita fliegen. Dort habe ich einen zuverlässigen Kontakt zu Concorde. Willst du das?“ „Ja.“, hauchte sie.

„Jetzt brauche ich ein Glas Wein“ sagten beide zugleich und lachten. Pipi angelte zwei Reagenzgläser aus dem Regal und stellte sie Dick hin. „Ist das Labor etwa dein Haushalt?“ Dick schüttelte mit gespielter Entrüstung den Kopf, füllte die Gläser und reichte ihr eines. Sie stießen an, sahen sich dabei tief in die Augen und tranken schweigend einen Schluck. Dann beugte sich Dick über Pipis Gesicht und küsste sie. „Aber schlafen wirst du doch hoffentlich nicht auf deinem Laborpaneel, oder“, fragte er sie leise. Wortlos nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn hinter sich her zu einer unscheinbaren Schiebetür. „Nein“, flüsterte Pipi, „wenn ich ungestört sein will, ist das hier meine Zitadelle.“ Damit schob sie die schwere Tür beiseite und zog Dick mit sich auf ein raumfüllendes Schwebebett.

…bzzt…aufgrund eines Fehlfittings von seiten der Stationsbetreiber ist momentan die Bild- und Tonüberwachung ausgefallen. Kruul’s Hausmeisterservice „Exotic Dancer’s & Marines“ wird in Kenntnis gesetzt und den Schaden in Kürze beheben…

…am nächsten Morgen…
Pipi öffnete die Augen und räkelte sich wohlig. `Was für eine Nacht‘, dachte sie und roch glücklich am Laken, dem Dicks kerniger Geruch noch anhaftete. Er war schon lange fort. Sie stand auf, betrat ihre Nasszelle, ließ sich duschen, massieren und föhnen und bekleidete sich eilig. Dann öffnete sie die Tür zum Laborbereich. Sie traute ihren Augen nicht. Ein heilloses Durcheinander, aufgerissene Schranktüren, umgeworfene Folienhalter! Fassungslos schaute Pipi sich um. Ihr Blick fiel unter den Labortisch. Dort lag sie, Vandenpuup’s affige Sonnenbrille! Er musste letzte Nacht den Versuch gewagt haben, an die Blaupause zu gelangen. Pipi war klar, dass sie die Station, das System, ja sogar die Region verlassen musste. Sofort. Ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, verließ sie den Labortrakt.

Jeder wusste, wem die Luxury Yacht im letzten Hangar gehörte. Pipi näherte sich mit klopfendem Herzen ihrem Schiff, warf einen Blick über die Schulter und vergewisserte sich, dass ihr niemand gefolgt war. Dann betrat sie die Holladrieux. Während sie die Abdockroutine durchlaufen ließ, fragte der Schiffscomputer sie nach dem Reiseziel. Pipi atmete tief durch, schluckte trocken und sagte laut „Setze Kurs nach Jita.“

Ich wache auf und habe Rückenschmerzen. Nein, alles tut weh, vor allem meine rechte Wange. „Bin wohl eingeschlafen“, murmle ich, „was für ein Traum!“. Die Abdrücke der Tastatur in meinem Gesicht sind Beweis genug, dass ich etliche Zeit hier gesessen haben muss. Na toll, alles vollgesabbert habe ich auch! Gähnend rapple ich mich auf und blicke auf den Bildschirm. Mein Charakter steht regungslos in der Station, das Industrie-Fenster ist geöffnet. Die Forschungszeit für meine Blaupause ist noch nicht abgelaufen. ‚Na gut‘, denke ich, ‚morgen ist auch noch ein Tag.‘ Ich lasse den Computer einfach laufen und ziehe die Tür hinter mir zu. Im Industriefenster beginnt der Lieferbutton herrlich dunkelblau zu leuchten.

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