EVE Online – Heute noch nicht

Unser Wolfsrudel hatte einen guten Tag: bei der Piratenjagd in Stain fiel uns eine Eskalation nach der anderen in die Hände. Vielleicht machte uns das übermütig – jedenfalls bekamen wir eine in CJF-1P, die tief im Land unserer Feinde lag. Mit Piraten konnten wir kurzen Prozess machen – gegen eine andere Korporation waren wir nicht wirklich gut gerüstet. Dennoch drängte unser Flotillenadmiral darauf, es zu versuchen. Einige Systeme weit sah das auch ganz gut aus doch dann bekamen unsere Feinde mit, dass wir in ihrem Revier unterwegs waren und nahmen die Verfolgung auf.

Sie stellten uns, tackleten uns – wir schafften es nochmal sie abzuschütteln. Nur um sie im nächsten System wieder an unseren Fersen zu haben. Wie giftige Terrier schnappten sie nach uns. Jetzt hatten wir keine Chance mehr. Immer mehr Feinde tauchten im Local auf. Eins unsere Schiffe ging unter, bald das nächste. Der Flotillenadmiral gab das Kommando, irgendwo die Selbstzerstörung einzuleiten, damit der Feind nicht die Befriedigung hat, sich unseren Kill gutschreiben zu können.

Ich weiß nicht mehr genau wie, aber ich schaffte es, meinen beschädigten und überhitzten Vexor-Kreuzer vom Schlachtfeld wegzuwarpen. Was tun? Der Befehl war eindeutig gewesen allerdings war ich mir sicher, dass mein Schiff aufgespürt und vernichtet werden würde, lange bevor die Selbstzerstörung zünden könnte. Die Sensoren zeigten bereits Combatprobes an… Außerdem trug ich die Verantwortung – meine Crew bestand aus neun Acolytes und drei Praetores. Eine wagemutige Idee stieg in mir auf… vermutlich aussichtslos, aber immerhin hätte ich es versucht… schlimmstenfalls tanzten unsere Feinde auf unserem Wrack und schändeten meinen leblosen Kadaver…

Ich war mir sicher, dass die Feinde das Sprungtor nach VNPF-7 scharf überwachen würden aber es bestand eine winzige Chance, dass ein Durchkommen ins Seitensystem nach Z-XMUC möglich sein könnte. Tatsächlich – das Sprungtor war unbewacht, auf dieser wie auf der anderen Seite. Also schnell weiter von dieser Seite nach VNPF-7. Hier sah es anders aus. Ein feindliches Schiffe war irgendwo im System. Keine Ahnung, ob es nur Späher oder ein ausgewachsenes Schlachtschiff waren. Und die feindliche Übermacht war ja nur ein Sprung entfernt. Der Weg nach Hause würde dazu durchs Zentralsystem unserer Feinde führen. Keine gute Idee, da jetzt direkt ins Hornissennest reinzuspringen…. Und unsere Anwesenheit war sicher schon gemeldet worden. Also nur eine Frage der Zeit, bis wir gestellt – und vernichtet würden.

Was tun? Vielleicht… ja, vielleicht könnten wir es schaffen, das Schiff auf Grund zu legen und abzuwarten, bis die Feinde die Suche nach uns aufgeben würden… aber noch liefen die KampfTimer. Die Schiffsautomatik ließ es noch nicht zu. Ziellos warpten wir von Safespot zu Safespot. Inzwischen waren weitere Feinde im System angekommen. Im D-Scan waren bereits Combatprobes zu sehen. Würde das wohl reichen? Sobald der Timer ausgelaufen und wir aus dem letzten Warp rausgekommen waren, öffneten wir die “Safety-Log-Off”-Ventile. Langsam sank das Schiff dem Grund entgegen. Würde es reichen? Wir brauchten nur 30 Sekunden. Nur. In der Lage eine halbe Ewigkeit. Dennoch schafften wir es, das Schiff auf Grund zu legen und es so rechtzeitig der feindlichen Ortung zu entziehen.

Als guter U-Boot-Kommandant wußte ich: jetzt kommt es vor allem auf gutes Timing an. Würden wir zu früh wieder auftauchen, dann platzten wir mitten in eine Horde Feinde, die einzig und allein auf genau diesen Augenblick warteten. Ich redete daher mit meiner Crew. Die armen Acolytes waren ganz verstört. Sie waren ja erst auf dieser Tour an Bord gekommen, ganz grün hinter den Ohren. Meine Ruhe und Zuversicht flößte ihnen neuen Mut ein, und sie beruhigten sich soweit, dass sie eine Mütze Schlaf bekamen. Die wackeren Praetores dagegen gaben sich kampfeslustig. Ja, sie hielten die Lage für aussichtslos. Daher drängten sich mich, aufzutauchen und bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Ich überzeugte sie, die Zeit zu nutzen, um mit Naniten die schlimmsten Schäden zu beseitigen – falls es wirklich zum Äußersten kommen sollte, dann wenigstens mit der Aussicht, möglichst viel Feinde mit ins feuchte Grab zu reissen. Ich selbst dagegen rechnete mit der vagen Chance, dass wir einen günstigen Zeitpunkt zum Auftauchen und damit zur Flucht erwischen könnten: die Feinde entweder alle besoffen, weil sie ihren Sieg über uns zu feucht-fröhlich gefeiert hatten, oder komplett verpennt eben. Ja, ich geb’s zu: das war ein überaus dünner Strohhalm, an den ich mich klammerte. Aber wenigstens gab ich mich nicht der Illusion hin, mit dem Vexor irgend etwas gegen die feindliche Übermacht ausrichten zu können. Für mich selbst bot die Nacht wenig Erholung. Die wenigen kurzen Momente des Schlafes wurde ich von Alpträumen heimgesucht, die mich jedesmal schweißgebadet hochfahren liessen.

Um 06:00 ließ ich alle Mann wecken. Wir lenzten die Tauchtanks und der Vexor durchstieß die Wasseroberfläche. Oh Wunder – das System war komplett leer. Die Feinde hatten es offensichtlich aufgegeben, auf uns zu warten – vermutlich schon vor langer, langer Zeit. Meine Mannschaft und ich gönnten uns einen Moment, die Pracht der aufgehenden Sonne zu geniessen und die frische Morgenluft tief einzuatmen. Dann setzte ich das Schiff auf Heimatkurs.

Der erste Sprung brachte uns nach LC-1ED, dem Heimatsystem unserer Feinde. Ich hatte gehofft, dass vielleicht alle pennen würden. Falsch gedacht! Fünf oder noch mehr Feinde waren irgendwo im System. Ihre Namen brachten uns unangenehme Erinnerungen an den Vorabend. Vermutlich waren wir schon entdeckt – bald würden wir wieder gejagt wie die Hasen. Ohne Chance auf Entkommen…

Guter Rat war teuer. Viele Optionen hatten wir nicht: zurück nach VNDP-7? Das würde uns nicht weiterbringen. Wir konnten uns nicht ewig dort verstecken, und früher oder später mußten wir hier durch genau dieses System. Vielleicht hier im System nochmals auf Grund legen? Aber wann könnte sich eine bessere Gelegenheit bieten? Und woher könnte ich das dann auch wissen? Oder versuchen durchzubrechen? “Jetzt oder nie,” schoß mir durch denn Kopf und ich befahl den Warp zum Ausgangssprungtor. Mit diesem einen Befehl warf ich alles in die Waagschale, was wir hatten und waren. Jetzt würde es sich zeigen.

Nur langsam nahm der schwerfällige Vexor Fahrt auf. Kostbare Zeit, die es unseren Feinden erlauben würden, unsere Absichten zu durchschauen und uns abzufangen. In den Momenten, bis das Schiff im Warp war, gab ich mich der Hoffnung hin, dass die Feinde vielleicht doch noch schliefen, oder dass sie am falschen Sprungtor nach uns suchen würden. Als wir schließlich am Sprungtor ankamen und aus dem Warp fielen, holte mich die trostlose Gewißheit der kaltenWirklichkeit ein: nicht nur wurde das Tor bewacht, nein, die Feinde schienen auch genau dort auf uns gewartet zu haben! Vor meinen inneren Augen lief der Film ab, von dem, was gleich geschehen würde… Tackle, dann das unbarmherzige Schnarren, wie sich brutale Waffengewalt durch Schilde, Panzen und schließlich Schiffsstruktur mit kreischendem Geräusch nagen würde. Wir schafften es noch, durch’s Sprungtor nach QM-O7J zu springen. Keine Frage – die Feinde würden genau dasselbe machen. An Entkommen war jetzt nicht mehr zu denken. Auf der anderen Seite war dann auch schon ein Merlin in Stellung. Ruckzuck waren wir getacklet. Nur noch wenige Augenblicke, dann würde sich eine wütende Horde Feinde aus dem Sprungtor auf uns ergießen und uns den Gar ausmachen. Nun hieß es eben gute Miene zum bösen Spiel zu machen und wenigstens mit wehender Fahne unterzugehen. Die heißblütigen Praetores boten an, sich zu opfern, Todesmutig sprangen sie aus dem Schiff und warfen sich verbissen auf den Merlin. Ja, sie fügten ihm Schaden zu – aber es war klar: das würde niemals reichen, bevor die feindliche Flotte auftauchen würde. Jetzt sprang auch noch ein Phantasm von irgendwoher aus dem System auf uns. Jetzt war es aus…

…oder doch nicht. Auf einmal entließ uns der Merlin aus seinem Klammergriff. War es ein unerfahrener Pilot, den die Panik gepackt hatte? Wie dem auch sei, der Vexor glitt schwerfällig in den Warp, dem rettenden Sprungtor entgegen. In diesem Moment kam auch die gegnerische Flotte aus dem Sprungtor. Und doch.. Für diesen Moment waren wir nochmals entkommen. Aber das war nur eine Frage der Zeit: das Sprungtor war aufgrund des Kampfgeschehens für uns noch mehr als 20 Sekunden gesperrt. Wenn uns die Feinde sofort nachsetzten – und ich hatte keinen Zweifel, dass sie das tun würden -, dann würden wir dort nicht entkommen. Doch noch mal abtauchen und auf Grund legen? Etwas in mir sperrte sich dagegen und so warteten wir am Sprungtor auf das Ablaufen der Timer. Wenn jetzt die Feinde kämen, könnten wir immerhin solange aushalten, um dann durch das Tor zu springen….

Der Timer lief ab. Keine Spur von Feinden. Wir sprangen durch’s Tor. In ein komplett leeres System. Warum verfolgten sie uns nicht? Doch wir hatten keine Zeit zum Nachdenken, noch waren wir in Feindesland. Auch die nächsten beiden Systeme waren leer und wir bleiben vollkommen unbehelligt. Als wir unsere eigenen Systeme erreichten, atmeten wir tief auf. Obwohl auch hier immer mal wieder unwillkommene Neuts ihr Unwesen trieben, waren jetzt unsere Chancen erheblich gestiegen, es wieder nach hause zu schaffen. Mit jedem weiteren Sprung wuchs die Erleichterung. Schließlich tauchten die Lichter unseres Heimathafens auf. Wir hatten es geschafft! Wir sind dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen!

Später am Tage blätterte ich in den Marinenachrichten. Huch – da stand, meine Besatzung und ich wären an der Vernichtung eines Merlin beteiligt gewesen. Tatsächlich: der Phantasm war nicht einer unserer Feinde gewesen, sondern ein Feind unsere Feinde. Er hatte den Merlin voll plattgemacht. Und er war danach auch selbst von unseren Feinden versenkt worden. Vermutlich wegen ihm hatten die Feinde schon am Tor Stellung bezogen gehabt. Deswegen hat uns niemand weiter verfolgt. Deswegen konnten wir entkommen!

Abends ging ich mit meinen Acolytes zum Kriegerdenkmal. Wir hielten einen Moment inne – und gedachten unseres unbekannten Freundes und auch unseren Praetores. Die Acolytes schienen älter, reifer geworden zu sein. Nicht mehr verhuscht und ängstlich – dafür bereiter, sich beim nächsten Mal für Schiff und Kameraden einzusetzen. Wir zogen weiter, in die Bar am Ende des Universums. Mit anderen Schiffsbesatzungen erzählten wir unsere Abenteuer um die Wette. Exotische Getränke flossen in Strömen. Wir feierten, es dieses Mal wieder geschafft zu haben. Wer weiß, welches Abenteuer der morgige Tage, der nächste Einsatz bringen würde…

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