EVE Online – Fly safe!

 

Gedankenverloren tönte sie die Fenster ihrer Quartiere auf fünfzig Prozent. So war es in ihrem Quartier weder zu hell noch zu dunkel; vielmehr tauchte das stark gefilterte Licht der Sonne von S-KSWL den Raum in angenehm warme Farben. ‚Merkwürdig‘, dachte sich Matsu Fumiko. ,Wie oft man den Luxus eines Quartiers mit Blick ins All gar nicht zu schätzen weiß – oder dass man sich so selten Gedanken darüber macht.‘ Allzu oft hatte sie jedoch auch nicht die Gelegenheit, hier zu sein. Nachdem vor einigen Wochen die Order zum Abflug gekommen war, hatte sie ihre Unterkunft sofort verlassen – entsprechend sah es bei ihrer Rückkehr aus: mehrere Pads mit Datentabellen und Lehrbüchern lagen auf dem Schreibtisch. An allen blinkten nun die Batterie-LEDs, da mit Fumikos Rückkehr auch das Induktionsladefeld des Schreibtisches wieder aktiviert worden war. Fumiko griff nach dem Becher mit den Resten eines Koffeindrinks, sah den Schimmel, der sich inzwischen auf der Flüssigkeit gebildet hatte und warf ihn angewidert in den Müllschacht. Rasch klaubte sie einige getragene Kleidungsstücke vom Boden und dem Hocker neben ihres Bettes, um sie in den Behälter für die Reinigung zu stopfen. Anschließend zog sie Laken und Decke glatt und war froh, mit wenigen Handgriffen den Raum in einen vorzeigbaren Zustand gebracht zu haben.

Fumiko war erst seit ein paar Stunden wieder in der Fortizar ihrer Corporation. Bislang war die Mehrheit der Kapselpiloten an der Grenze nach Cobalt Edge in einer vorgeschobenen Basis deutlich spartanischer untergebracht gewesen. Auf Befehl des CEOs von Know Your Role, Wezzel Sky, waren alle erreichbaren Piloten für heute auf die Heimatstation befohlen worden. Mit einem Interceptor hatte Fumiko die Strecke von HB-5L3 in kurzer Zeit zurückgelegt und konnte somit den ungeliebten Clonejump vermeiden. Auf dem Weg hatte sie sich einige Gedanken um den geheimnisvollen Grund für die Rückkehr nahezu aller Piloten gemacht. Doch seit Fumiko die Kapsel verlassen hatte, hatte sie sich ganz den Annehmlichkeiten der Zitadelle in S-KSWL hingegeben, ohne weiter darüber zu grübeln. Eine Dusche, eine frische Uniform und gleich stand ein Barbesuch auf dem Programm.

Als Fumikos Kapsel nach dem automatischen Andockmanöver aus dem Schiff entfernt worden war und sie diese nach dem Ablassen des Gels verlassen konnte, traf sie auf dem Weg aus der Dusche auf Urs Blank. Er hatte eine weitere Strecke als Fumiko durch einen Clonejump zurückgelegt und man sah ihm die Nachwirkungen der Prozedur noch an. Tiefliegende Augen und die nicht ganz gelungene Bändigung einer widerspenstigen Haartolle waren die erkennbaren äußeren Anzeichen für die psychische Belastung, die mit dem Orts- und Körperwechsel einhergingen. Je nach individueller Verfassung vergingen solche Auswirkungen schneller oder langsamer. Da sie beide bis zum Meeting noch genug Zeit hatten, verabredeten Sie sich zu einem Treffen in einer Bar oberhalb der Subcap-Docks. Von dort hatte man einen großartigen Ausblick und konnte verfolgen, wie die LUMPY- Piloten nach und nach eintreffen würden.

Fumiko kontrollierte mit einem Blick in den Spiegel, dass die Uniform korrekt saß, als der Türsummer aktiviert wurde. Mit einem letzten Blick in den Raum versicherte sie sich, dass der Anblick ihres Quartiers akzeptabel war und ging zur Tür. Im Gang vor der Tür wartete Urs Blank: „Hallo Urs, Du siehst ja schon wieder ganz erholt aus! Schön dass Du mich abholst!“ Fumiko musste grinsen. Urs schnitt eine Grimmasse: „Danke, man fühlt sich jedes Mal, als würde man im Waschbecken im Ausguss verschwinden – oder in einen Brunnen fallen.“ Seine Stimme klang rau – wie nach einer durchzechten Nacht. Urs‘ Stimme war ein weiterer Grund für Fumikos Heiterkeit, denn er klang eigentlich immer so. Seine Stimme ließ nie erkennen, ob er sich mit einem Power-Nap begnügt hatte oder völlig ausgeruht war. Allerdings hatte seine Stimme auch etwas sehr beruhigendes und vertrautes an sich: selbst in der Hitze des Gefechts auf den Kom-Kanälen war Urs immer völlig ruhig zu vernehmen.

Da die Besprechung erst in vier Stunden beginnen sollte, begaben sich die beiden ruhigen Schrittes zur Bar. „Mad Max“ prangte in großen Leuchtbuchstaben über dem Eingang. Für jeden dienstälteren Piloten der Allianz war das „Mad Max“ das Heimatgefühl schlechthin. Vor allem, da man erst nach einiger Zeit in der Allianz dahinter kam, welche Bedeutung sich hinter dem Namen verbarg. Max war der Koch – da es immer extrem hektisch zu werden versprach, wenn viele der Unaligned Master Pilots auf der Station waren, geriet Max zu diesen Zeiten öfter mal in Rage. Ein vorwitziger LUMPY Pilot hatte Max vor langer Zeit erzählt, dass er sich dann genau so „mad“ verhalte, wie Mamorran – LUMPYs CEO. Voller Stolz hatte Max sein Lokal nach dem Umzug aus Delve „Mad Max“ genannt und seitdem wurde unter den Piloten gerätselt, ob Mamorran inzwischen hinter das Geheimnis gekommen war.

Als Urs und Fumiko die Bar betraten, waren kaum Gäste dort. Die Eile mit der das Personal jedoch zugange war, ließ darauf schließen, dass es mit dieser Ruhe wohl rasch vorbei sein würde. „Glück gehabt“, sagte Fumiko und machte ein zufriedenes Gesicht. „Komm mit, da vorn kann man gut sitzen.“ Zielstrebig ging Fumiko auf einen Tisch zu, von dem aus man eine gute Aussicht in den Hangar hatte und zugleich nicht zu sehr im Gewühl sitzen würde, wenn die Bar stärker besucht wäre. „Ich bin wirklich gespannt, was Wezzel uns heute Abend präsentieren wird“, sagte Urs als er sich setzte. „Wir sollten auf jeden Fall etwas essen, bevor wir nachher bei ihm antanzen – wenn er solange spricht, wie man es von ihm gewohnt ist, sind wir verhungert, bevor er fertig ist.“ – „Auf jeden Fall!“ antwortete Fumiko, „Außerdem könnten wir alles, was er sagt, aufzeichnen, sonst hab ich es bis morgen früh vergessen.“ Kaum hatte Fumiko ihren Satz beendet, deutete Urs hinaus in den Hangar: „Schau mal! Sophia und ihre Black-Ops-Truppe docken gerade an. Wenn sogar sie abgezogen wurden, wird es wirklich wichtig.“ Sophia Ban’ki war nahezu eine Legende unter den LUMPY-Piloten; ein absolutes Ass in Guerillataktiken. Insbesondere „Hot Drops“ – blitzartige Überraschungsangriffe, bei denen eine Gruppe Bomber auf das Signal eines Scouts sprang – waren ihre absolute Spezialität. Derzeit standen die Scouts tief in feindlichem Gebiet in Cobalt Edge und hatten dem Gegner mit dem passenden Namen „InPanic“ schon eine Vielzahl empfindlicher Verluste zugefügt.

„Es wird noch knapp eine Stunde dauern, bis Sophia und ihre Jungs und Mädels hier in der Bar aufschlagen werden. – Jetzt erzähl doch mal! Was treibst Du eigentlich die ganze Zeit, wenn wir nicht gerade in der Flotte unterwegs sind?“ fragte Fumiko neugierig. „Och so dies und das“, zog Urs sie auf bevor er anfing die Frage zu beantworten. „Ich habe Dich ja schon vor einiger Zeit eingeladen, mit nach E-OGL4 zu kommen. Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig die Piloten auf ihre Sicherung bedacht sind, die das System passieren.“ E-OGL4 lag auf der Route vom Handelshub Jita nach Tenal und war ein Engpass, in dem immer wieder leichtfertige Kapselpiloten ihre Schiffe verloren. „Du bist also immer noch Pirat? Urs?!“ fragte Fumiko übertrieben erstaunt. „Hey, man muss sehen wo man bleibt! Und der Erfolg gibt mir recht!“ verteidigte sich Urs. „Ich glaube, es wird Zeit, dass ich mir das mal anschaue“, gab Fumiko zurück und nahm einen Schluck Ale, das sowohl ihr als auch Urs eben frisch und eiskalt serviert worden war. „Du bist herzlich eingeladen! Aber lass es Dir gesagt sein: üb‘ schon mal die Zielaufschaltung – je schneller je besser!“ erwiderte Urs lachend.

Wie immer, wenn die Anspannung der letzten Tage langsam weicht und zugleich auf die Erwartung bereits bevorstehender Ereignisse trifft, verging die Zeit wie im Flug. Gefühlt wenige Augenblicke später traf tatsächlich Sophia mit einigen ihrer Scouts ein. Rasch wurden einige Tische zusammengestellt, damit die nun ansehnliche Gruppe zusammensitzen konnte. Alle Piloten hatten Neues zu berichten – direkt von der Front, aus dem feindlichen Hinterland oder sogar aus den eigenen Systemen, die durch immer wieder auftauchende Wurmlöcher nicht langweilig wurden. Es wurde gegessen, gelacht und beinahe hätte die Gruppe es versäumt rechtzeitig zum Meeting aufzubrechen. „Wie? Ihr geht schon?“ trat Max mit großen Augen aus der Küche. „Ich dachte, Ihr bleibt?! Ich habe noch nicht einmal anständig für Euch gekocht!“ Mit gespielter Entrüstung rief er den Piloten nach: „So kann das ja nichts mit Euch werden!“ Während Headbrett Callejon seine Jacke griff, rief er Max zu: „Wir kommen sicher wieder…“ – „…dauert ja nicht lang! Jaja, kenn ich!“ vollendete Max den Satz. „Wenn Euer Wezzel mal in Form kommt, dann ist der Abend rum! Und wenn Mikokoel sich dann noch neue Fittings ausgedacht hat, sauft Ihr mir danach wieder alle Vorräte weg! Ich seh‘ Euch nachher! Übrigens Headbrett: schön, dass der Rat auch mal wieder hier ist!“ fügte Max süffisant hinzu. Der Rat der 66er war eine der Mitgliedscorporations von LUMPY und nutzte das benachbarte System als Heimatbasis.

Der Versammlungsraum war bereits gut gefüllt, als Urs und Fumiko eintrafen. Da beide für die Rekrutierung zuständig waren, hatten sie bei der Human Resources Group feste Plätze und konnten sich zunächst umschauen, wer bereits im Saal war. Fumiko hatte Atlan Dallocort erspäht und bahnte sich einen Weg zum militärischen Direktor während Urs zielstrebig auf Ben Thara und Exanos Zekarath zusteuerte, die, wie Fumiko wusste, öfter mit ihm in Tribute zusammen im Einsatz waren.

„Atlan, sag mal, was ist so wichtig, dass wir alle herkommen sollten? Selbst Sophia ist hier, es muss was Großes sein, oder? Du weißt immer was los ist – ein kleiner Hinweis vielleicht?“ neugierig sprudelten die Fragen aus Fumiko heraus. Nahezu väterlich antwortete Atlan: „Fumiko, was denkst Du denn – natürlich weiß ich was heute Abend passiert. Es wäre ja auch schlimm, wenn ich nicht auf dem Laufenden wäre. Aber mach Dir keine Sorgen, es wird spannend aber nicht lebensbedrohlich. Den größten Auftritt wird eh‘ Wezzel haben. Obwohl… vielleicht, hm. Lass Dich überraschen!“ Da mehr für den Moment nicht herauszubekommen war, raunte Fumiko ein „Okay“, und war gerade auf dem Weg zu ihrem Platz, als plötzlich Amelie Chayse vor ihr stand. Amelie hatte Fumiko vor einiger Zeit angeworben und dabei kurz vor einem Anstellungstop dafür gesorgt, dass sie eine Chance bekam. „Amelie! Du bist wirklich wieder da? Ich wollte es erst gar nicht glauben. Ich freue mich, dass Du wieder da bist!“ Glücklich schloss Fumiko Amelie in die Arme. „Nachdem ich von K-Y-R fort gegangen war, brachen interessante Zeiten an – aber irgendwann trieb es mich zu meinen Füchsen zurück. Ich bin auch froh, wieder hier zu sein. Jetzt bin ich aber gerade wirklich gespannt, was heute passiert. Kaum bin ich wieder da, geht es gleich richtig zur Sache?“ Amelie zog eine Augenbraue hoch, worauf Fumiko versetzte: „Sie machen ein ganz schönes Geheimnis draus. Sehen wir uns nachher?“ – „Aber sicher“, erwiderte Amelie und deutete nach vorn, wo die Allianzführung ihre Plätze einnahm.

Wie die meisten anderen strebte Urs zu seinem Platz und setzte sich am Recruitertisch neben Fumiko. „Der Alte hat nichts durchblicken lassen.“ flüsterte Fumiko ihm zu. „Wundert mich nicht – aber es wird schon gescherzt, dass wir wohl wieder umziehen werden. Und das, obwohl wir ja noch gar nicht so lange hier sind“, antwortete Urs und machte ein skeptisches Gesicht. „Bloß das nicht – ich war froh als ich mein Quartier eingeräumt hatte – ganz zu schweigen von dem ganzen Kram in meinem Lager und den Schiffen im Hangar“, ächzte Fumiko entmutigt. Mit Grauen dachte sie an den letzten Umzug: tonnenweise Material und etliche Schiffe waren verpackt worden und nun endlich wieder halbwegs komplett einsatzfähig. „Na, Du kannst doch gut mit Tom, da wird sicher etwas möglich sein“, meinte Urs. Tom war ein Logistik-Pilot in Know Your Role und verfügte über glänzende Kontakte, wenn Waren gleich welcher Art von A nach B transportiert werden mussten. Fumiko hatte so eine Ahnung, wie er das bewerkstelligte, konnte sich aber nicht dazu hinreißen lassen, wirklich wissen zu wollen, wie Tom das wirklich einfädelte.

„Darf ich um Eure Aufmerksamkeit bitten!“ – Atlan Dallocort war ans Pult getreten und rief die versammelten Kapselpiloten zur Ruhe auf. „Das Meeting wird aufgezeichnet, also wer einschläft oder verspätet ankommt, wird Gelegenheit haben, sich alles nochmal anzuhören. Allerdings werden wir schon dafür sorgen, dass es nicht langweilig wird.“ Ein Schmunzeln zog sich über die Gesichter. „Zuerst möchte ich Euch noch einmal mit Nachdruck auf die Vertraulichkeit aller unserer Angelegenheiten hinweisen! Ich weiß, dass viele von Euch gute Kontakte zu externen Kapselpiloten haben und diese pflegen – das tue ich auch! Aber das darf niemals dazu führen, dass interne Daten nach außen getragen werden. Achtet in Zukunft darauf! Sollte ich jemanden erwischen, der das nicht ernst nimmt… naja, der wird sich wünschen jede Stunde einen Clonejump zu machen!“ Mit diesen Worten wandte Atlan den Kopf zu Wezzel Sky, dem CEO von Know Your Role: „Wezzel, viel Spaß!“

Der Angesprochene stand auf und ging langsam zum Rednerpult. In den vorderen Reihen war zu sehen, dass Wezzel schmunzeln musste und ein Lachen unterdrückte. „So meine Lieben.“ Wezzels Ansprachen waren immer von besonderer Vertraulichkeit geprägt – eines seiner Rezepte, die seiner Meinung nach einen guten CEO ausmachten. Enge Bindung an die Mitglieder der Corporation und schonungslose Offenheit waren seine Prinzipien. „Ihr wisst was jetzt kommt? Immer wenn ich wieder zurückkomme – das wisst ihr – passiert ‘ne kleine Sauerei!“ Verschmitzt blickte er in die Runde. „Zunächst bitte ich um Eure Nachsicht, dass ich die letzte Zeit nicht so greifbar war, wie Ihr das gewohnt seid. Und jetzt bin ich wieder da und…“ Wezzel dehnte den Satz und sah in die Gesichter der vor ihm sitzenden Piloten. Gerade als er einen Blick zu Atlan und Mikokoel werfen wollte, rief jemand von hinten: „Wir ziehen um!“ – „Ja, genau!“ grinste Wezzel breit und achtete auf die Reaktionen in den Reihen der Piloten. „Ich will Euch natürlich auch sagen, warum wir zu dieser Entscheidung gekommen sind. Wie Ihr alle wisst, ist der Gegner in Cobalt Edge nahezu am Boden. Aber – und jetzt kommt leider das entscheidende – die Coalition, der InPanic angehört, nicht!“ Wezzel betonte das letzte Wort ganz besonders und ließ den Klang kurz im Raum wirken. „Die Drone-Region-Federation hat, wie wir es erwartet haben, gerade ein erstes Deployment abgeschlossen und verlegt massiv Schiffe an die Grenze zwischen Cobalt Edge und Tenal. Das Kräfteverhältnis wird sich zunächst verschieben, mit unseren Verbündeten, die schon bereit stehen, wären wir aber durchaus in der Lage, dem Feind zu begegnen. Trotzdem haben wir uns entschieden, ein Angebot anzunehmen, das uns bereits vor knapp einem Monat erreicht hat. Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, da wir durchaus überlegt haben, den Kampf gegen X.I.X – die Legion of xXDeathXx – aufzunehmen. Allerdings soll man ein gutes Angebot nicht ablehnen, insbesondere dann nicht, wenn eine daraus zu erwartende Einnahme nur kleiner wird, wenn man zu lange zögert. Darum haben wir uns entschieden, Tenal zu verlassen. Dabei spielt auch der Inhalt von Mikokoels Beitrag nachher eine entscheidende Rolle. Macht Euch bewusst, dass das keine Niederlage ist! X.I.X hat sich mühevoll den Rücken frei und den Weg hier an die Grenzen nach Tenal umsonst gemacht. Ich würde sagen, denen haben wir eine ganz schön lange Nase gemacht. Eine Folge unseres bevorstehenden Umzugs wird daneben sein, dass wir unsere Organisation nicht wie geplant erst im Herbst anpassen werden. Wir werden jetzt schon damit beginnen und die Zeit nutzen.“ Wie die Piloten es von Wezzel gewohnt waren, begann er nun seine Entscheidung umfassend zu begründen und die geplante Zukunft der Allianz vor dem Hintergrund der neuen Gegebenheiten darzustellen. Ab und an ergänzte Atlan die Ausführungen des CEO und brachte so sein umfangreiches Wissen als militärischer Direktor ein. Schließlich beendete Wezzel seine Rede und sagte: „Nachdem ich Euch jetzt die gute Nachricht präsentiert habe, gebe ich das Wort weiter an Mikokoel, damit er den zweiten Teil erledigt. Eins will ich Euch dazu noch mit auf den Weg geben: Ich war’s nicht!“

„Danke!“ erwiderte Mikokoel ohne Zögern. „Damit darf ich Euch dann vorstellen, welche Veränderungen noch anstehen. Wir haben uns gedacht, dass wir – wenn wir schon bei grundlegenden Änderungen sind – gleich Nägel mit Köpfen machen können. Übrigens ist die von Wezzel Sky vorgestellte Abgabe unserer Systeme eine wichtige Voraussetzung, meinen Plan nachhaltig umsetzen zu können.“ Nahezu alle Piloten im Raum sahen sich fragend an – Urs und Fumiko ging es nicht anders. „Wie Ihr alle wisst, setzten unsere Flotten momentan voll auf Schildverteidigung – leider haben sich ein paar Dinge ergeben, die mich dazu gebracht haben, diese Position zu überdenken.“ Mikokoels Mundwinkel hoben sich zu einem mehr als unschuldig wirkenden Grinsen. Ab sofort würde LUMPY auf die physische Panzerung ihrer Hauptkampfschiffe setzen. Damit war eingetreten, was Mad Max vorhergesagt hatte, es blieb nur zu hoffen, dass die Vorräte den Folgen dieser Nachricht gewachsen bleiben würden.

Einige Stunden später saß eine kleine Gruppe LUMPY-Piloten im „Mad Max“. Max selbst hatte längst die Küche geschlossen und sich mit einer Zigarre zu seinen Gästen gesetzt: „Was macht ihr für Gesichter? So schlimm wird’s doch nicht gewesen sein!“ meinte er. Tom, Amelie, Urs und Fumiko schauten, als hätten sie gerade in eine Zitrone gebissen. „Wezzel meinte noch, es sei ein Bonbon! Das ist es nicht! Es ist ein Drops! Ein saurer noch dazu. Ich werde wieder stundenlang am Interkom hängen und mich um die Details kümmern müssen!“ entgegnete Tom leicht ärgerlich. „Dabei wollte ich mich diesmal nicht um den ganzen Mist kümmern. Die Frachterpiloten werden ewig brauchen, bis sie geschnallt haben, wo was zu welcher Zeit hin muss.“ – „Ihr geht weg?“ fragte Max entgeistert. Urs und Fumiko grinsten wissend und fingen gleichzeitig an zu reden: „Äh, Max! So schlimm ist es nicht. Du kommst ja mit uns!“ Dem Koch stand der Mund offen „Wann? Wie lange…? Ich muss alles verpacken?“ – „Ja mein Freund“, beruhigte in Amelie „Du wirst alles verpacken und mit der gesamten Zitadelle in unser neues Heimatsystem mitkommen. Ohne das „Mad Max“ wäre es für uns alle nur halb so lebenswert. Übrigens – ich habe Dir noch gar nicht gesagt, wie glücklich ich bin, endlich wieder bei Dir in der Bar zu sitzen.“ Einen Augenblick sah es aus, als würde Max rot werden: „Danke mein Herz! Ich habe Dich auch vermisst. Es war eigenartig, als Du vor einigen Monaten nicht mehr hier aufgetaucht bist. Ich habe die Piloten nach Dir gefragt und gehofft, Dich wieder hier zu begrüßen. Mein Wunsch wurde gehört“, antwortete er säuselnd und alle am Tisch fingen an zu lachen. „Du bist und bleibst ein alter Charmeur. Darum haben wir Dich alle gern!“ Amelie hauchte dem Koch einen Kuss auf die Wange. „So, genug für heute. Die nächsten Tage werden viel Arbeit bringen. Ich denke eine Mütze Schlaf kann mir nicht schaden“, sagte sie und erhob sich.

Max ergriff sein Glas mit dem letzten Rest eines Pflaumenlikörs aus Delve: „Auf Euch! Bleibt gesund und besucht mich wieder!“ – „Fly safe!“ schlossen sich die vier Kapselpiloten an und leerten ihre Gläser.

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