EVE Online – Blau im All

Ich kann es immer noch nicht fassen. Was soll dieser Name? Reicht es denn nicht, dass ich kein natürliches Produkt der caldarischen Schöpfungsgeschichte sein darf? Hat wohl noch nicht gereicht. Sie hätten mich wenigsten den Kampfnahmen selbst auswählen lassen können. Aber nein, Blau. Das ist doch kein Name, das ist höchstens ein Zustand. Aber dieser Kampfpilotenname bleibt doch für alle Zeit mit meinen künftigen Heldentaten verknüpft. Na meine Laufbahn fängt ja gut an…

Dass ich ein Kind der Klonungsindustrie bin, macht mir noch nicht mal etwas aus. Das haben sie ganz gut hinbekommen, ich bin mit mir zufrieden. Obwohl mir bewusst sein sollte, dass ich die Kopie einer genetischen Vorlage bin, hatte ich doch das Gefühl von Einzigartigkeit. Meine Gedankenwelt fand ich so außergewöhnlich, dass ich nur ein Unikat sein konnte. Das ging gar nicht anders. Wer sollte denn sonst noch so sonderbare Ideen haben? Wer sich sonst noch manchmal bei den einfachsten Dingen so dusselig anstellen? Dabei konnte ich manchmal gerade bei komplizierten und richtig fiesen Aufgaben wie durch ein Wunder direkt auf die Lösung kommen. Ich verblüffte dann nicht nur mich selbst.

Für einen Kapselpiloten hat eine künstliche Herkunft auch richtige Vorteile. Sie haben es wirklich geschafft, dass man keine Flashbacks und Gefühlsahnungen bezüglich des ursprünglichen Besitzers der verwendeten Gene mehr hat. Emotional ist man deshalb frei und ungebunden. Für heikle Missionen ist das natürlich sehr angenehm. Außerdem muss man sich nicht von der Familie verabschieden, wenn man auf die Pilotenschule geht, kein Trennungsschmerz. Die Chancen angenommen zu werden und die Ausbildung zu bestehen sind statistisch gesehen bei uns Klonies auch überproportional hoch. Wir wurden deshalb auch gerne mal etwas härter ran genommen bei der Ausbildung und wenn es gefährlich wurde bei einer Übung, war häufig einer meiner Produktionsgenossen der Auserwählte. So nach dem Motto, wenn es schief geht basteln wir uns einen Neuen.

Mit der Pilotenausbildung hat es dann ja auch ganz gut geklappt. Als ich vor wenigen Minuten meine Pilotenlizenz im feierlichen Rahmen zusammen mit all den anderen fraglich qualifizierten Jungspunden erhielt, war ich schon durch die älteren Jahrgänge auf die Ansprache des Kommandanten der Schule vorbereitet. Dass wir noch von nichts eine Ahnung hätten und uns erst mal auf einer Bantam Fregatte beweisen müssten, bevor wir uns vielleicht irgendwann einmal, in einem besseren Schiff auf interessantere Aufgaben freuen könnten. Aber wahrscheinlich würde es bei unserem Talent eh nur zu Transportflügen im System reichen…

Ich ließ meinen Blick schweifen. Die feierliche Verleihungszeremonie wurde dieses mal nicht wie sonst in einem der größeren Hangars abgehalten, wie es sonst Tradition war. Sie konnten und wollten keinen kompletten Landeplatz für diese Veranstaltung reservieren. Zu unruhig war es in den Raumsystemen, zu schnell wurde auch der letzte Platz für gestrandete Piloten, für eifrige Verladeaktionen und Schiffsaufmunitionierungen benötigt. Wir befanden uns in einem der Multifunktionssäle mit diesen grandiosen Panoramafenstern, die einen Blick in die tiefe dunkelblaue Weite des Universums zuließen. Mein Universum. Ich würde sicher weit über die Grenzen dieser Konstellation hinauskommen.

Überraschend für mich war später beim allgemeinen Umtrunk nach der Lizenzverleihung, dass unser Kommandant, der schon seit Jahrzehnten den Ruf eines harten Hundes für sich vereinnahmen konnte, auf mich zukam und mich nach der Feier für seine Verhältnisse freundlich zu einem informellen Gespräch in seinem Büro einlud. Na ja, es war wohl eher ein Befehl. Aber meine Neugierde war geweckt. Wurde ich für eine heikle Mission gebraucht, oder war ich in seinen Augen vielleicht sogar dazu befähigt, als Spion eingesetzt zu werden? Ich fühlte, es kommen aufregende Zeiten auf mich zu.

Als ich mich nach der Feier auf den Weg zum Kommandantenbüro machte, war die erste Überraschung, dass sich dort schon vier weitere ehemalige Kadetten der Uni eingefunden hatten. Sie hatten heute auch ihre Pilotenlizenz erhalten, aber während meiner ganzen Ausbildungszeit hatte ich sie immer nur flüchtig gesehen. Das Ausbildungszentrum war groß, die Anonymität häufig auch. Auf meine Frage, ob sie denn Rot, Grün oder Gelb heißen würden, wurde ich nur hämisch ausgelacht. Von meinem Namen hatten sie schon gehört, verrieten sie grinsend. Allerdings waren sie auch Klone, so dass sie auch nicht gerade einen beeindruckenden Stammbaum aufweisen konnten. Das beruhigte mich ein wenig und ich begann nicht wie es sonst meine Art war, ein verbales Scharmützel vom Zaun zu brechen.

Im caldarischen Stechschritt kam der Kommandant um die Ecke, schloss grußlos seine Bürotür auf, ließ uns eintreten und Platz nehmen. Er kam gleich zur Sache. Es gäbe eine brandneue Technik und wir wurden ausgewählt, diese zu erproben. Meine vier Kameraden und ich hatten plötzlich alle den gleichen Gesichtsausdruck. Glückseligkeit wäre der falsche Begriff dafür. In Stein gemeißelt würde zumindest erklären, warum meine Lachmuskeln in diesem Moment überhaupt keine Aufgabe hatten.

Es sei mittlerweile technologisch gelungen, aus Kapselpiloten mit Hilfe von Extraktoren ihr Wissen auf den unterschiedlichsten Gebieten zu entnehmen und dieses Wissen anderen Kapselpiloten zu injizieren. Er hätte auch sagen können, hartgekochte Eier sind hart, Weichgekochte nicht. Die Bedeutungsschwere in seiner Stimme wäre wohl die selbe gewesen. So etwas hat mich schon immer irritiert. Er fuhr fort in seiner Ansprache. Dies sei ein sehr teures Verfahren und wir dürfen uns glücklich schätzen, dafür auserwählt worden zu sein. Wir seien die ersten Absolventen der School of Applied Knowlege, denen diese Ehre zuteilwerde und wir müssten auch nicht unsere Runden im All mit der Bantam Fregatte beginnen. Wir wären dann schon zu höheren Aufgaben bereit durch das implantierte Wissen.

Die monotone, militärische Stimme des Kommandanten ließ mein geklontes Gehirn nur ‚höhere Aufgaben‘ und ‚keine Bantam‘ aufnehmen. Meine selektive Wahrnehmung war natürlich nicht hilfreich bei der noch ausstehenden Entscheidungsfindung. Aber hatten wir denn wirklich eine Wahl? Vom Kommandanten bekamen wir prekärer Weise keine weiteren Informationen, die die künftige Beziehung von Injektoren und frischen Kadetten aufgeklärt hätten. Sein ‚Sind Sie bereit?‘ hatte auch nicht unbedingt den Charakter einer ernst gemeinten Frage. Mein durch diese absurde Situation vernebeltes Gehirn war sowieso überfordert und suchte sich den einfachsten Weg im Synapsengewitter. ‚Jawoll, Kommandant‘ hörte ich eine Stimme bellen. Diese Stimme hatte 5 fein nuancierte Tonlagen, hervorquellend aus fünf Kadettenmündern. Langsam dämmerte mir, dass da mehr Aktion auf uns zukam, als ich mir gewünscht habe. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren… ach halte doch einfach die Klappe, das wird schon gut gehen. Innere Stimmen sind lästig.

Eines kann man über die Pilotenschulen sagen, sie verlieren bei ihrer Arbeit keine Zeit. Unser Gehirntuning sollte sofort beginnen. Keine weitere Bedenkzeit, keine Henkersmalzeit. Ich war jetzt tatsächlich für ein Programm ausgewählt, von dem ich in letzter Zeit immer mehr Gerüchte auf dem Campus aufgeschnappt hatte und das extrem kontrovers diskutiert wurde. Wie könne man nur altgedienten und erfahrenen Kapselpiloten künstlich ihr Wissen aus dem Gehirn entfernen? Kritische Stimmen gab es genug. Und es wurden auch wirklich wichtige Fragen gestellt. Welche psychischen Auswirkungen hätte das denn auf die alten und die neuen Piloten? Das kann man doch gar nicht vorhersehen, schon gar nicht langfristig. Und wer übernimmt denn da die Verantwortung? Das ganze Universum wird dadurch doch auf den Kopf gestellt, auf nix ist mehr Verlass. Und ich habe eben einfach ‚Ja‘ dazu gesagt. Vielleicht war schon die Klonerei ein großer Fehler, bei solchen Exemplaren wie mir. Immerhin hielten sich bei mir diese ewigen Moraldiskussionen in einem überschaubaren Rahmen, was sicher meiner Herkunft und Reproduktion geschuldet ist. Aber das ist jetzt auch Sternenstaub von gestern.

Ab jetzt betraten wir Neuland. In meiner Naivität dachte ich, wir kommen auf die Klonstation und können gemütlich in der Box liegend unser neues Wissen warm wohlig empfangen. Falsch gedacht. Wir marschierten direkt an dieser mir so vertrauten Einrichtung vorbei und endeten am Ende dieser Stationsebene vor einer wohl neu eingerichteten medizinischen Einheit. So schien es mir jedenfalls. Durch die Glastür, die mit Warnhinweisen der abschreckenden Sorte gepflastert war, konnte ich schemenhaft Weißkittel erkennen. Die werden uns doch wohl jetzt nicht die Rübe aufdübeln!

Der Kommandant ließ die Türe durch einen Scan seines Auges öffnen. Ich konnte flüchtig erkennen, dass das Freigabesignal schön dunkelrot war. Höchste Sicherheitsstufe. Und das saugende Geräusch der Luftschleuse ließ auf einen keimfreien Raumkomplex hindeuten. Das sah stark nach einem körperlichen Eingriff aus. Ganz die höfliche Dame, ließ ich meinen 4 Klonkollegen den Vortritt in das sterile Wunderland. Hinter uns schloss sich die Sicherheitstüre mit einem fast lautlosen Zischen.

„Sie sind also die Versuchskaninchen. Haben sie so schlecht abgeschlossen, dass man sie nur bei uns unterbringen konnte?“ Der Typ mit der randlosen Sonnenbrille und den weißen Pflegerklamotten versuchte lustig zu sein. War er aber nicht. Er war hier auch nicht der Chef. Über die Rolle des Helferleins war er wohl selbst nicht hinausgekommen, dachte ich so bei mir. Für einen Klon war er zu hässlich, die Eltern wollte ich mir gar nicht vorstellen. Der sollte mal vor die Tür an die frische Luft. Auf einer Raumstation finde ich den Spruch immer wieder lustig.

Wir wurden tiefer in den Raum geführt. Ich erwartete Hightech vom Feinsten, viele Apparate und emsiges Treiben der Forscher, Ärzte und anderer Nichtpiloten. Aber dem war nicht so. Hier sah es mehr nach einer gekachelten Behörde aus, oder wie beim Stationszahnarzt, bei dem ich noch nie in Behandlung war. Aber ja, genau so würde es da auch ausschauen. Der hässliche Miniaturkomiker verteilte uns auf fünf Zimmer und nachdem ich alleine in diesem Raum gelassen wurde, erwartete ich wirklich, dass als nächstes eine Zahnarzthelferin eintreten und mir die Grundlagen einer Wurzelbehandlung als freudiges Ereignis verkaufen würde.

Ich sollte mich gar nicht so sehr täuschen. Die Dame in Weiß, die mich nach einer geringen Wartezeit aufsuchte, bat mich höflich auf dem Behandlungsstuhl Platz zu nehmen. Das Beratungsgespräch nahm seinen Lauf. Langsam nahm ich den Raum, sein beruhigendes Licht, und den künstlichen Duft nach, ja nach was duftete es hier eigentlich? Der Geruch war mir fremd, aber er war angenehm. Es muss was Planetarisches gewesen sein, meine Schwäche. Ich war noch nie auf einem Planeten, diese Erfahrungen fehlen mir komplett. Aber ich genoss diese Wahrnehmungserfahrung und verankerte sie fest in meinen Erinnerungen. Und ich lauschte gebannt den Worten der Dame.

Endlich erfuhr ich das Was und das Wie meiner anstehenden Gehirnoptimierung. Die Besitzerin dieser angenehmen Erklärstimme war tatsächlich die Leiterin dieser Kachellandschaft. Uns was sie mir in nicht einmal gerade 5 Minuten sachlich und verständlich beibrachte, erfüllte mich mit einer Art Ehrfurcht und Faszination. Sie überzeugte mich.

Die Gehirnforscher haben es geschafft, erfahrenen Kapselpiloten Erfahrungseinheiten aus dem Gehirn zu entnehmen, ohne dass die Piloten dabei weiteren Schaden nahmen, außer dem Verlust der entnommenen Fähigkeitseinheiten. So konnten nicht benötigte Erfahrungen extrahiert und deren molekulare Substanz in einem weiteren Verfahren als frei verfügbare Wissenseinheiten benutzt werden. Die sollte ich jetzt verabreicht bekommen, damit man mich mit neuem Wissen füttern konnte. Instant. Ich werde zum Genie gemacht. Na wer kann da schon nein sagen. Ich konnte es nicht.

Jedes ‚Ja‘ brachte mich weiter weg von der Bantam, bei jedem ‚Ja‘ spürte ich, dass ich einer Drake, einer Raven oder sogar einer Tengu näherkam. Das waren Schiffe mit denen man was anfangen konnte. Damit warst du im All respektiert. Keine dummen Sprüche im Local, die konnte ich wirklich nicht gebrauchen. Nicht bei dem Namen. ‚Pilot Blau, was fliegen Sie?‘ ‚Bantam, Sir!‘ Nein, nein, das durfte nicht sein. ‚Tengu, Sir‘, ja damit lässt es sich leben. Da kommt kein weiterer dummer Spruch. Da wissen die Vakuumatmer da draußen was die Stunde geschlagen hat. Die hat es drauf.

Meine Jasagerei brachte mich allerdings keinen Raum weiter. ‚Wenn Sie bitte die folgenden Formulare und Verzichtserklärungen bitte genau durchlesen und unterzeichnen würden, dann können wir direkt jetzt und hier mit ihrer Optimierung beginnen.‘ Lesen. Wird überbewertet. Und von Verzicht kann hier doch keine Rede sein. Meinen Sinn für Humor wollte ich auch noch schnell unter Beweis stellen. ‚Darf ich mit Blau unterzeichnen?‘. Diese Doppeldeutigkeit ist doch der Brüller. ‚Natürlich.‘ Der nicht vorhandene Witz verpuffte im Raum. Ich unterzeichnete mit der caldari eigenen blauen Tinte alle Unterlagen und wurde auf dem Behandlungsstuhl fixiert. ‚Es kann etwas länger dauern. Entspannen Sie sich. Bei Ihnen sind mehrere Injektionen vorgesehen. Die benötigen Sie, da für Sie einige umfangreiche Wissensbücher vorgesehen wurden. Da kommt etwas zusammen. Freuen Sie sich!‘

Und das tat ich. Lange Ausbildungszeiten. Das kann in meinen Ohren nur eins bedeuten. Ich werde hier und jetzt direkt in die Königsklasse der Kapselpiloten katapultiert. Ich lande bei den ganz Großen. Blau wird das neue Gold sein. Ich werde Capitalpilot. Von einem Titan will ich ja gar nicht reden. Den bekommst du nur, wenn du richtig viel Flugpraxis hast. Aber die geben mir wohl tatsächlich einen Dreadnought oder sogar einen Carrier, eine Chimera oder noch besser, eine Wyvern. Noch konnte ich mir das gar nicht richtig vorstellen, da ich ja keine Erfahrung mit diesen Superschiffen hatte. Da kannst du nur von träumen, aber ein echtes Gefühl ist da nicht vorhanden.

Aber das sollte ja jetzt kommen. 32 Injektionen sollten es werden. Ich bereitete mich seelisch und moralisch auf eine schmerzhafte und lange Prozedur vor. Doch dem war nicht so. Der Tag heute brachte schon viele Überraschungen und auch diese war angenehm. Völlig schmerzfrei und schnell wurden mir von der Ärztin die Injektionen verabreicht. Allerdings spürte ich nichts. Kein ‚Ich kann Karate‘ Effekt. Nichts. ‚Warten Sie, wir lesen jetzt noch die Ihnen zugedachten Lehrbücher ein. Sie können Ihre neuen Fähigkeiten danach direkt anwenden.‘ Auch dies ging in Rekordzeit, nicht das mühselige Büffeln, wie ich es die letzten Jahre auf der Pilotenschule gewohnt war. Das passierte hier gerade auf Knopfdruck. Und ich spürte, wie eine gewaltige Woge des Wissens und der Erfahrung meinen Neocortex durchflutete. Beherrschte ich jetzt wirklich den Umgang mit Kommandoschiffen und war ich jetzt wirklich ein Flottenkommandant? Ich ahnte es.

‚Blau, wie fühlen Sie sich?‘ ‚Wie neu geboren und befördert!‘ Die Ärztin war zufrieden und führte noch einige Vitalchecks durch. ‚Top fit, würde ich sagen.‘ Sie lachte. ‚Na dann auf zu neuen Heldentaten. Melden Sie sich beim Flottenkommandanten zurück und berichten Sie ihm von der erfolgreichen Behandlung!‘. Auf dem Rückweg zu seinem Büro war mir das Grinsen dermaßen ins Gesicht gemeißelt, das es schon schmerzte. Aber für ein Glückskind wie mich waren Schmerzen gerade ein Genuss. ‚Kapselpilot Blau, treten Sie ein.‘ Ich hatte noch gar nicht angeklopft, aber der Alte war ja für seinen siebten Sinn bekannt. ‚Wir haben heute in Sie viel Geld, Wissen und Vertrauen gesteckt. Endtäuschen Sie uns nicht. Ich erwarte von Ihnen nur beste Ergebnisse. Wir verschwenden auch keine Zeit mehr. Sie bekommen heute Ihr neues Schiff, ihren Auftrag und hier habe ich noch drei Personalakten. Diese drei Kapselpiloten werden Sie in Zukunft bei all Ihren Unternehmungen unterststützen und Sie sind für deren Wohl und Leben verantwortlich. Haben Sie das verstanden?‘ ‚Jawohl, Herr Kommandant!!‘ Ich hatte wirklich das große Los gezogen. Folgen Sie mir in Ihr neues Kapitänsquartier. Dort können Sie sich mit Ihrer neuen Aufgabe, dem neuen Schiff und ihren neuen Flottenkameraden bekannt machen!‘ Leicht wie eine Feder schwebte ich über den blankpolierten Stationsflur hinter dem Kommandanten drein bis wir vor einer Stahltür stehen blieben, die meinen Namen zierte. Zum ersten Mal war ich stolz auf ihn. ‚Blau‘ stand da in roten Lettern, einfach nur ‚Blau‘. Mehr war auch nicht nötig. Bald würde das ganze Universum meinen Namen ehrfurchtsvoll auf den Raumstationen und in den Bars auf den fremdesten Planeten flüstern. Wenn ich die Systeme des Alls erobern werde, sind Furcht und Flucht die besten Freunde der auf meinem Schirm rot aufleuchtenden Gegner. Zukunft ich komme. Diesen historischen Moment verpasste der Kommandant, denn der war schon wie vom Erdboden verschluckt geräuschlos verschwunden. Ich war mit meinem Glück alleine. Ich öffnete die Tür und betrat mein erstes eigenes Quartier. Vorbei die Zeiten der Übungssimulationen. Ich war nun in der Welt der echten Helden des Alls angekommen. Und das Schicksal wollte es, dass ich ganz oben ins Regal greifen durfte, dort wo die süßen Früchte lagern. Der Raum sah aus, wie man es gewohnt war, Einheitsbrei, aber mich zog es magisch auf die nächste Tür zu. Die Tür zu meinem Traum. Mein erstes Raumschiff. Ich. Mir. Meins.

Ich öffnete die Tür, trat hindurch und der große Moment war gekommen. Der Hangar war riesig und er war ausgefüllt von einem gigantischen nagelneuen Schiff der Capitalklasse. Mein wissensüberflutetes Gehirn spürte sofort, dass es diesen Giganten des Alls bis in den letzten Winkel beherrschen würde, ohne Zweifel. Die mir verabreichten Injektoren haben uns jetzt schon für immer zu einer untrennbaren Einheit zusammengeschweißt. Wie siamesische Zwillinge. Wie Ruhm und Ehre. Wie Caldari und Raketen. Für immer. Verschweißt. Gefesselt. Gefangen!

Hilfe!!! Schrie mein unbehandeltes Resthirn, falls ich das noch hatte. Was soll das? Das können die doch nicht wirklich ernst meinen. Wo ist die versteckte Kamera? Meine Gesichtszüge waren schon wieder schmerzhaft, allerdings waren diesmal die Mundwinkel so merkwürdig nach unten gemeißelt, dass der sture Kuhblick meiner Augen niemandem mehr aufgefallen wäre. Aber diese Augen sahen in aller Pracht zwischen den Sternchen, die überall über die Netzhaut flimmerten, immer wieder dieses Ungetüm. Es verschwand nicht. Es hielt sich hartnäckig in meiner Wahrnehmung und ich musste mir eingestehen, es war real. Und ich war da. Die Orca auch. Dieser Wal der Asteoridenfelder, die Seekuh der Eisanomalien. Dieses unkriegerischste Schiff, welches das Universum nach dem Shuttle je hervorgebracht hatte. Geht’s noch?

Wie lange ich wie versteinert im Hangar vor meinem neuen Schiff stand und mir vorstellte, wie sich Tränen anfühlen würden, für die ich zu taff war, wurde mir nicht bewusst. Aber die Geräusche hinter mir lösten mich aus meiner Erstarrung. Meine innere Kälte wurde von einem Hauch menschlicher Wärme und dem Gefühl nach etwas Vertrautem überzogen und ich wand mich um. Da sah ich sie. Besser gesagt, da sah ich mich. Doppelt. Nein dreifach. ‚Dürfen wir uns vorstellen, Flottenführerin Blau?‘ Äh, nein lieber nicht, ich will es nicht wissen. Aber ich kann es ja sehen. Bitte, bitte, ich will aufwachen und es war alles nur ein kleiner dummer Rookietraum. ‚Kapselpilot Blau I, Sir!‘ ‚Kapselpilot Blau II. Sir!‘. ‚Kapselpilot Blau III, Sir!‘. Da haben wir den Salat, kein Traum. ‚Wir sind Ihre Skiffpiloten, Expertinnen für Eis und Erz!‘ Finden die das lustig? Schaut doch mal in einen Spiegel, fällt euch nix auf? Mir gingen so viele Gedanken durch den Kopf und nicht alle waren geeignet für meine Memoiren. Na die braucht es ja jetzt eh nicht mehr. Dass ich ein Klon war, wusste ich ja. Aber ich hatte noch nie ein identisches Modell von mir gesehen und deshalb war ich von meiner Einzigartigkeit überzeugt. So viel zu Überzeugungen.

Da ich schon all meine Stresshormone beim Anblick der Orca verloren hatte, konnte ich meinen zweiten Schock vor den drei Grazien aus dem Klonlabor recht gut vertuschen und ich spielte ganz die Flottenkommandantin. ‚Willkommen Blau, äh Blaus. Team Blau.‘ Man, man, man. Der Name, und jetzt viermal. Wir werden doch oft im selben System sein. Das fällt doch auf. Was denken sich denn die Verantwortlichen? Nicht viel, wie man sieht.

Wie sich herausstellte, wusste bis heute keine meiner zukünftigen Weggefährtinnen von der Existenz der anderen, aber alle wurden ausgewählt, um an dieser Flotte teilzunehmen. Alle wurden dazu auf den unterschiedlichsten Pilotenschulen auch schlau gespritzt. Sie waren zum Glück durch die Bank nett, hübsch, intelligent und hatten den gleichen Humor wie ich. Welch Überraschung. Wir machten es uns in meinem Kapitänsquartier gemütlich, plünderten den Kühlschrank und die Bar. Ich hatte das Gefühl gerade meine Schwestern kennen zu lernen.

Aber da war doch noch was. Richtig, dieser rote Umschlag. Wie konnte ich das vergessen. Der Auftrag!

Wenn wir schon nicht wie die Amazonen in den Krieg gegen Gallente und ihre Verbündeten, die Minmatar ziehen durften, interessierte mich unser Operationssystem und die angepeilte Fördermenge nicht wirklich. Aber um nicht einen etwaigen frühen Abdockzeitpunkt zu verpassen, ließ ich mir von Blau III, übrigens die einzige von uns mit dunklen Haaren, den Umschlag über den Tisch werfen, der wie ein flotter Zerstörer in den Tiefflug überging und mein Glas Caldariprosecco umriss. Es war natürlich gut gefüllt und versaute sowohl mir die Uniform als auch das Auftragsschreiben. Das durchfeuchtete Papier in meiner Hand gab Zahlen und Daten preis, die mein getuntes Gehirn als üppig, aber machbar einstufte. Mir fielen allerdings einige Fehler und Ungereimtheiten auf. Omberfördermengen, Blue Ice Stückzahlen. Ich war jetzt nicht gerade der Bergbauspezialist gewesen, aber das Zeug liegt doch nicht vor unserer Haustür. Mädels, wer von euch kann Omber abbauen? Hand hoch. Meine beschwipsten Kopien kicherten und hoben alle drei reflexartig die Hände. Erstaunt schauten wir uns an. ‚Worum geht es denn?‘ wollte Blau II wissen. Ich schaute noch mal auf den Auftragszettel, dann ungläubig in meine neuen drei Gesichter. ‚Unser Einsatzgebiet. Sinq Laison. Gallente. Feindgebiet…‘ Ich wurde schlagartig vierfach nüchtern. ‚Abdockzeit in 30 Minuten…‘ Unser Jungfernflug ging gleich über die gefährlichen Handelsrouten in feindliches Gebiet. Mit diesen langsamen Pötten. Und da sage noch einer, die Caldari hätten keinen Humor.

‚Lasst uns Geschichte schreiben!‘ Darüber konnte selbst ich nicht lachen, geschweige denn meine drei Double. ‚Oder wenigstens so tun als ob…‘ Die Blaus verschollen im blauen Eis. Tolles nächstes und letztes Kapitel. Das wird super. Ich trank die Flasche Prosecco noch leer.

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